Zeitsprung

Klasse war’s – das Klassentreffen ;) Und es hätte gern noch ein paar Tage länger gehen können. :D

Ich finde jedes Mal wieder faszinierend, dass wir uns nach Jahren wiedersehen und man sich sofort mit jedem unterhalten und Anekdoten erzählen kann. Viel “Weißt du noch …?” und natürlich auch “Was machst du jetzt?” und “Wo ist eigentlich …?”. Unsere Klassenlehrerin aus der Unterstufe (Klasse 1-4) war ‘ne Weile mit da – und hat sich irgendwie überhaupt nicht verändert. Der Klassenlehrer aus der Mittelstufe (5-7) lebt nicht mehr, die Klassenlehrerin aus Klasse 8-10 war nicht erreichbar (was eigentlich seltsam ist). Die meisten Mitschüler haben wir inzwischen wieder aufgetrieben, ich konnte noch einen Überraschungsgast beitragen, der nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder dabei war und lediglich von 2 Leuten fehlt bisher jede Spur.

Die ehemaligen Mitschüler waren alle auf Anhieb zu erkennen. Ich wurde in Berlin von einer Freundin eingesammelt und wieder abgesetzt, so dass wir im Auto auch noch reichlich Zeit zum Schwatzen hatten.

Es war lustig, da am A…llerwertesten der Welt, wo das Navi ca. 500m vor dem Ziel auf freiem Felde verkündete: “Die Navigation ist beendet. Ihr Ziel befindet sich in Pfeilrichtung.” – was erstmal zu einem spontanen Heiterkeitsausbruch führte, denn zu sehen war das Ziel noch nicht – nur ein paar Pferde, ca. 5 Häuser und ein paar Felder ;) Der kleine Gasthof tauchte dann aber tatsächlich hinter der nächsten Straßenbiegung auf.

Ja, doch – gerne jederzeit wieder! Ich freue mich schon auf 2017. :)

Kantinengespräche

Ich bin in der angenehmen Situation, dass ich mittags vom Büro aus nur etwa 100m zur Kantine (nein, inzwischen heißt das ja “Kasino”) gehen muss und so schnell und einigermaßen preisgünstig essen kann. Das Essen ist manchmal Klasse, manchmal nur mäßig – aber so ein mittäglicher Kantinenbesuch hat natürlich auch eine soziale Komponente. Die Gespräche, die sich dort entwickeln, sind manchmal schon sehr originell.

Immer wieder gern genommen ist natürlich das Thema “Opa erzählt vom Krieg” “Ossi erzählt von der DDR”. So kamen wir vor ein paar Tagen dann auch von der Konfirmation, die zu DDR-Zeiten ja eher die Ausnahme von der Regel (=Jugendweihe) war. Ich erzählte, dass ich mir von meinem Jugendweihe-Geld meinen ersten Kassettenrekorder KR 660 kaufte. Wir kamen vom Kassettenrekorder irgendwie zum “Kulturfünfer”, den 5 Pfennig, die als Kulturabgabe auf jeden Eintrittspreis aufgeschlagen wurden. So kostete das Kino dann eben beispielsweise 1,05 M.

Ein Kollege meinte, die Kulturabgabe sei sicher auch deshalb nötig gewesen, weil man ja viele Filme selbst drehen musste und ich klärte ihn auf, dass es durchaus auch amerikanische oder bundesdeutsche Filme in DDR-Kinos zu sehen gab. Ein Film, den ich 1989 immerhin 5-mal in einem Leipziger Kino gesehen habe, war Linie 1. (Der lief einige Wochen und es gab auch Menschen, die ihn 27 mal gesehen haben ;) ). Interessanterweise kannten meine Wessi-Kollegen weder den Film noch das Musical, auf dem er beruht. Eine echte Bildungslücke, finde ich.

Dank YouTube lässt die sich wenigstens teilweise schließen – und ich hab’ jetzt ‘nen Ohrwurm.;)

Na gut, dann geh’ ich mal zur U-Bahn …

Halb und Halb

Die Hälfte meines bisherigen Lebens habe ich in der DDR gelebt und hatte am 7. Oktober einen Feiertag – Republikgeburtstag. Heute würden wir also “61 Jahre DDR” feiern. Wie wäre das wohl, wenn die Wende nicht gewesen wäre? Oder wenn die Wende nicht zu diesem Ergebnis geführt hätte? Schwer vorstellbar. Ich hätte mir damals einen langsameren und gleichberechtigteren Weg zur Einheit gewünscht – Zusammenschluss statt Beitritt, gute Dinge erhalten, statt alles platt zu machen und hinterher zu weinen.

Ich gehöre sicherlich zu den Gewinnern der Einheit – ich habe einen festen Job, der mir Spaß macht, habe zum Glück genügend Geld, um nicht ständig darüber nachdenken zu müssen und habe mich in der neuen Heimat inzwischen eingelebt. Dass ich seit 11 Jahren im “Westen” lebe und damit weit entfernt von früheren Freunden und Verwandten, gehört zu den Nachteilen, die die deutsche Einheit für mich gebracht hat. Ich wäre gern in Leipzig geblieben, aber ohne vernünftigen Job war das nicht möglich. Ich lebe inzwischen gern hier, aber auch nach 20 Jahren deutscher Einheit spüre ich, dass es noch etliche Unterschiede gibt. Nicht nur, weil mich hier kaum einer versteht, wenn ich vorschlage, dass wir uns beispielsweise um “dreiviertel Acht” treffen ;)

Ohne die Wende hätte ich vermutlich den besten Ehemann von allen nicht kennen gelernt. Falls ich ein Kind mit schwerer Epilepsie hätte, müsste ich mir wohl über die Zukunft weniger Sorgen machen – hätte aber auch weniger Mitspracherecht. Ich vermisse den Haushaltstag auf der einen Seite und freue mich andererseits, dass ich heute problemlos Teilzeit arbeiten kann und dass meine volle Arbeitszeit nur 38,5 Stunden / Woche beträgt statt der 43,75 Stunden, die ich noch während meiner Lehre zu arbeiten hatte.

Nicht alles im vereinten Deutschland ist so schön und so bunt wie in der Werbung. Nicht alles im Westen ist so schlimm wie im Staatbürgerkunde-Unterricht dargestellt. Und nicht alles in der DDR war so grau, wie einige Altbundesbürger noch immer denken.

20 Jahre Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion

Heute vor 20 Jahren trat der “Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion” in Kraft, die D-Mark wurde offizielles Zahlungsmittel in der DDR, die Grenzkontrollen zwischen DDR und Bundesrepublik wurden abgeschafft. “Mit der Einführung einer gemeinsamen Währung und der Abschaffung der Grenzkontrollen ist die Einheit Deutschlands seit heute 0 Uhr praktisch vollzogen”, sagte Jan Hofer damals in der Tagesschau.

Wie lief das damals? Allgemein galt ein Wechselkurs von 2:1 (für 2 Mark der DDR gab es 1 D-Mark). Erwachsene durften bis zu 4.000, Kinder bis 14 Jahre bis zu 2.000, Menschen ab 60 Jahren bis zu 6.000 DDR-Mark zum Kurs von 1:1 umtauschen. Allerdings wurde nicht etwa Bargeld umgetauscht, sondern das Guthaben auf Spar- oder Girokonten. Das führte dazu, dass in den Wochen vor dem 1. Juli ein fröhliches Umbuchen von einem Konto aufs andere stattfand. Da wurden Konten für Kinder eingerichtet, die bis dahin noch keine hatten. Da wurde der Oma noch was aufs Konto gepackt, um einen möglichst großen Teil der eigenen Ersparnisse 1:1 umtauschen zu können.

Löhne und Gehälter wurden zum Kurs von 1:1 umgestellt. Das heißt, ich hätte im Juli 1990 mein letztes Lehrlingsgehalt in D-Mark bekommen. Immerhin 180 Mark netto (200 Mark brutto) waren das im dritten Lehrjahr. :) Allerdings hatte ich vorzeitig ausgelernt und bekam so schon etwas eher mein Facharbeitergehalt – immerhin 650 Mark (brutto) plus Nachtzuschläge. Gleichzeitig mit dem Zusammenwachsen von Ost und West begann auch der Zusammenbruch und die “Abwicklung” vieler Betriebe im Osten. Dort, wo zu DDR-Zeiten riesige Werkhallen standen, wo ich im “Blaumann” zum “Maschinen- und Anlagenmonteur mit Abitur” ausgebildet wurde, sind heute blühende Landschaften entstanden, so wie Helmut Kohl es damals versprochen hatte. Aber ob er das wirklich so gemeint hatte?

20 Jahre Mauerfall

Heute vor 20 Jahren wurden plötzlich die Schlagbäume in Richtung Westen geöffnet. Ein historischer Tag also. Und wie habe ich ihn damals erlebt? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß noch, dass ich 2 Tage später, am Samstag, dem 11.11.1989 mit meinem damaligen Freund nach Berlin fuhr. Wir haben uns unser Begrüßungsgeld abgeholt, sind übern Kurfürstendamm gelaufen und haben im Café Kranzler gefrühstückt (oder eher “gespätstückt” ;-) ) Ich weiß auch noch, dass ich am 3. Advent-Wochenende mit vielen Menschen nach Hannover zum Partnerstädtetreffen fuhr, aber an den 9. November erinnere ich mich nicht.

Vor 20 Jahren

Am vergangenen Wochenende war ich mehrere Stunden mit zwei mir bis dahin nur aus einem Internet-Forum bekannten Frauen im Auto unterwegs. Irgendwann kamen wir – anschlässlich Tages der deutschen Einheit – auf das Thema “Wende” und wie war das denn damals. “Wie alt warst du denn damals und wie hast du das erlebt?”, wurde ich gefragt. “Ich war damals 18 und ich lebte in Leipzig.” und schon waren wir mitten im Gespräch. Meine Gesprächpartnerinnen sind beide ein paar Jahre jünger und haben die Wende im Westen erlebt. Auch wenn es mir manchmal vorkam wie “Opa erzählt vom Krieg”, war es doch sehr interessant.

Am 9. Oktober 1989 lief ich mit meinem damaligen Freund durch die Leipziger Innenstadt. Wir waren an diesem Abend nicht zur Montagsdemo, sondern nur auf dem Weg nach Hause, aber die vielen Menschen in der Stadt waren schon beeindruckend. Ich weiß noch, dass ich ein sehr mulmiges Gefühl hatte an diesem Abend. Keiner wusste, ob dieser Abend gewaltfrei bleiben würde und die Polizei (mit Helm und bewaffnet) machte mir Angst.

Ich war sowohl in den Wochen vorher als auch nachher bei den Friedensgebeten in der Nikolai- und später auch in der Thomaskirche und auch bei den Demos, die im Laufe der Zeit immer größer wurden. Ich habe dort (mit vielen anderen) mit einer Kerze in der Hand an der Kirche gestanden und “Keine Gewalt” gerufen. (Und später dann “Wir sind das Volk” und “Visafrei Tschechoslowakei”.) Letztlich ging alles gut und dieser Abend markierte die friedliche Wende, aber dieses bedrückende Gefühl bleibt unvergessen.

Vieles habe ich vergessen, aber einzelne Situationen sind mir sehr lebhaft in Erinnerung: Meine Staatsbügerkundelehrerin, die uns jeden Dienstag fragte, wer denn am Abend zuvor den “Schwarzen Kanal” gesehen hätte (hatte meist niemand) und am Tag nach der Wende weinend das Klassenzimmer verließ. Mein erster Besuch in Westberlin am 11.11.1989 – auch wenn ich nicht mehr weiß, was ich eigentlich mit den 100 DM Begrüßungsgeld gemacht habe. Eine Radtour zu siebt im August 1989 durch Ungarn – zu einer Zeit als die Grenze von Ungarn nach Österreich schon offen war. Wir fuhren alle wieder nach Hause zurück, denn was sollten wir denn im Westen?

Heute Abend gibt es ein Lichterfest in Leipzig aus Anlass des 20. Jahrestages der Wende. Schön. Die meisten anderen Veranstaltungen scheinen eher in Berlin statt zu finden, eigentlich schade.