Bürokratiebelastung

Ich bin gerade bei Rehakids auf einen Link zum Thema Bürokratie gestoßen, den ich interessant finde – die „Norderstedter Erklärung zur Bürokratie in Familien mit behinderten Kindern“ des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V.

Hier heißt es u.a. in Auswertung einer Studie der Bertelsmann-Stiftung:

Den rund 162.000 Eltern behinderter Kinder im Alter von 0 – 18 Jahren entstehen nach den Ergebnissen der Studie Bürokratieaufwendung von rund 6,4 Millionen Stunden jährlich und Direktkosten für Porto, Telefon oder z.B. Kopien in Höhe von 2,6 Millionen Euro. 23 verschiedene Informations- und Nachweispflichten gegenüber Ämtern und Institutionen machte die Studie aus. Sie hebt hervor, dass auch bei gleichbleibenden Leistungen und bei unzweifelhaft erkennbar dauerhafter Behinderung wiederkehrende Leistungen regelmäßig beantragt und Nachweise immer wieder vorgelegt werden müssen.

Als besonders aufwendig beschreibt die Studie vor allem die Beschaffung von Informationen durch die Eltern, die erforderlich sind, um ihren Kindern die notwendigen Leistungen zu erschließen. Für die Informationsbeschaffung der Eltern ermittelte die Studie 1,4 Millionen Stunden jährlich. Die Beratungspflichten der Sozialleistungsträger und die gemeinsamen Servicestellen entfalten auch acht Jahre nach Inkrafttreten des SGB IX offensichtlich keine nachhaltige Wirkung.

6,4 Mio Stunden jährlich? Wow. Das finde ich schon eine stolze Zahl. Und wenn man dann liest, dass ein großer Teil dieser Zeit tatsächlich für Informationsbeschaffung drauf geht, frage ich mich mal wieder, weshalb das nicht vereinfacht wird. Meine eigene Erfahrung deckt sich ja mit dieser Studie – was ich nicht von mir aus erfrage und entweder durch Foren, andere Eltern oder Suchmaschinen im Internet finde, das erfahre ich nicht. Es gibt eben keinen Anlaufpunkt, wo man eben erstmal grundlegend informiert wird. Ja, es gibt SPZs, die so etwas teilweise leisten – unser einziger Besuch im hiesigen SPZ (Ende 2008) war allerdings auch eher unbefriedigend. Wenn ich vorher schon genau wissen muss, was ich will, brauche ich das SPZ eigentlich auch nicht mehr.

Ich wünsche mir noch immer eine Stelle – irgendwo in der Gemeinde oder so, wo ich hinkommen kann und einfach sage: „Ich habe ein Kind mit der und der Erkrankung / Behinderung, welche Anträge muss ich wo stellen, welche Möglichkeiten gibt es, was muss ich beachten?“ Der Papierkram selbst ist gar nicht mal das Schlimmste, viel schlimmer finde ich, dass man eben gar nicht weiß, was es für Möglichkeiten gibt und sich das mühsam erarbeiten muss – egal, ob es um Hilfsmittel wie Rehabuggys, Pflegebetten, Orthesen oder was auch immer, den Integrationsplatz im Kindergarten, die Frühförderung, den Schwerbehindertenausweis, die Pflegestufe oder eben jetzt aktuell die richtige Schule geht. Nichts geht automatisch, alles ist Kampf und irgendwann macht es müde und mürbe. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Eltern irgendwann diesen Kampf aufgeben – auf die Pflegestufe verzichten, Hilfsmittel selbst kaufen, sich irgendwie „durchwurschteln“ – insofern frage ich mich, ob das alles Methode hat, um den Krankenkassen oder den Ämtern viel Geld zu sparen. Aktuell bekomme ich von vielen Leuten den Rat, die Pflegestufe 3 zu beantragen, es sollte doch locker dafür reichen bei Saskia.Vermutlich tut es das tatsächlich, aber wenn ich daran denke, dass ich mich dann wieder mit dem MDK rumärgern muss, lasse ich es eben doch vorläufig sein.

5 Gedanken zu “Bürokratiebelastung

  1. In Österreich ist es leider nicht viel anders. Es gibt einige Stellen, die weiterhelfen. Nur es fehlt, dass EINE zentrale Stelle Infos gibt. Man muss sich auch bei uns alles selbst zusammenkratzen. Viele betroffene Eltern haben keine Ahung, auf welche Förderungen sie Anspruch haben.
    Eine liebe Bekannte von mir hat eine Selbsthilfegruppe gegründet. Es ist alles im Aufbau. Es scheint aber dennoch so, dass auch von Seiten der Betroffenen Hemmung besteht, sich zu treffen. Das ist schade. Ich denke nämlich wirklich, dass der direkte Austausch mit Betroffenen am Meisten bringt.
    Wegen dem Pflegegeld: Ich würde schon ansuchen. Ich kenne eure Stufen in D nicht. Bei uns ist es schon auf aufwändig. Aber es zahlt sich doch aus.
    Irgendwie schon sehr traurig, dass es in einem so grossen Land wie Deutschland nicht einmal richtig funktioniert……

  2. Carolin schreibt:

    Liebe Graungrüngelbe,

    auch in Frankreich ist es nicht viel anders.
    Ich bin allerdings eine der Glücklichen mit guten Erfahrungen. Ich hatte eine sehr kompetente Sozialarbeiterin im Frühförderungszentrum meiner Tochter, die hat mir wirklich ALLES aufgelistet.

    Wir sehen diese Problematik natürlich auch in unserer Vereinsarbeit (ein franz. Verein für Eltern von Dravet-Kindern). Ein Verein, oder eine Selbsthilfegruppe kann Listen erstellen. Vielleicht gibt es sogar soclhe Ratgeber bei der deutschen Epilepsievereinigung ??

    Desweiteren gibt es hier eine Art Federation, einen Verein der alle Vereine von seltenen Krankheiten regelmässig zusammenführt. Z.B. soll für jede Krankheit eine (weitere) Liste der notwendigen Therapien, Medikamente und Hilfsmittel aufgestellt werden. Diese Listen werden von den jeweiligen medizinischen Spezialisten abgesegnet und an die Krankenkassen weitergeleitet.

    Aber was rede ich… natürlich ist es relativ einfach, diese mühselige Mehrarbeit zu verhindern.

    Ich finde, in Deutschland gibt es doch auch eine Art bürokratisches Talent um die Bürokratie so in dieser Form aufrecht zu erhalten… oder täusche ich mich da ??

    Viele gute Grüsse,
    abgezeichnet, abgestempelt und verifikationiert;
    Carolin.

  3. Hallo, heute hab ich endlich mal wieder ein bisschen Zeit zum lesen bei Euch.
    Und dann spricht mir dieser Post so aus der Seele. Manchmal hab ich das total satt, und würde am liebsten gar nichts mehr machen. Robert ist heute in der Kurzzeitpflege…. ich musste zum Arzt um die neuen Medikamentenverordnungen auf ein Formular schreiben zu lassen. Ich musste zwei Medis neu in der Apotheke holen, weil die nur in Orginalzustand dort mitgegeben werden dürfen….ich musste ein Babyphone kaufen … weil er zwar schon immer Anfälle hat, aber momentan so oft, und da ist denen aufeinmal die eigene Überwachung zu wenig!! ??? Nun haben wir ihn für ein paar Stunden abgegeben, Michael hat so gestritten mit der Heilpädagogin, dass wir ernsthaft überlegen das nicht mehr zu machen! Denn … das Tavor als Notfallmedikament ist auf zwei Tabletten je 10 mg abgezählt (macht die Ärztin immer so) … in der Kurzzeitpflege wollten die eine 25mg Tablette in nicht offener Verpackung!
    Als ihr dann keine Argumente mehr einfielen sagte sie, dass sind die Vorschriften hier im Land!
    …und dann bekommen wir nächste Woche wieder ein Schreiben, dass 7,40 Euro vom Pflegegeld abgezogen werden, weil Robert ja nicht von uns betreut wurde an diesem Samstag! Das Schreiben und die Briefmarke ist sicher teurer als die Rückzahlung. Dass wir ihn zwei Mal mit dem Auto fahren müssen,interessiert niemanden!… Benzingeld gibt es nicht. Wollen wir ja auch gar nicht, aber der andere Zirkus ist soooo lästig.
    Michael meinte heute, dass es Absicht ist, damit keine Familie mit behinderten Kind das Angebot annimmt.
    Wir müssen nun auch doch nochmal ein Gutachten wegen der Verlängerung der Schulbegleitung machen lassen. Autismus ist zwar nicht heilbar, aber vielleicht wird ja auch da ein Wunder erwartet. Die Schulbegleitung ist für ein weiteres Jahr genehmigt, aber …. das es wieder eine Heilpädagin mit Autismus-Erfahrung sein muss, soll ich Gutachten neu festgestellt werden!!?? Die Dame begleitet ihn schon fast ein Jahr und genau die bleibt, Das haben wir schriftlich. Ich hab also am Freitag dort angerufen und gefragt, ob es ein Irrtum ist. „Nein, kein Irrtum. Das braucht das Amt für die Unterlagen!“ Aha!
    Ach, Graugrüngelb, heute ist so ein Tag wo ich alles hinschmeissen könnte…
    Wir gehen heute auf einen Vortrag über Epilepsie im Kinderalter. Sind schon sehr gespannt und Fragen kann man auch stellen..
    Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende
    Elisabeth

  4. Kurze Grüsse….diese Woche hat es in sich.Und nun muss ich auch noch andauernd den Keller aufwischen…
    Zur Post will ich auch …. hoffe ich schaff es heute noch.
    Liebe Grüsse
    Elisabeth

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