Totalverweigerung

Es sei alles in Ordnung gewesen, sagte der Busfahrer, als er mir am Nachmittag Saskia übergab. Schön. Ich packte sie direkt in unser Auto, um mit ihr in Richtung Logopädie aufzubrechen. Saskia rief auf der Rückbank immer wieder „Jaaaaaa. Jaaaaa. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaa….“ – etwas anstrengend, aber besser als die Stille, wenn sie total schlapp ist. Es war ein langer Stau auf dem Weg zur Logo, wir fuhren deshalb eine etwas andere Strecke, brauchten schließlich noch 10 Minuten, um einen Parkplatz zu finden und kamen 3 Minuten zu spät in der Praxis an. Uff. Die Logopädin unterhielt sich noch mit anderen Eltern, dann konnten wir loslegen.

Jedenfalls theoretisch. Zunächst unterhielten wir uns noch über das Thema „püriertes Brot“ und wie erwartet äußerte sie Verständnis für die Schule und war auch absolut nicht überrascht. Es wäre ja unlogisch, das Mittagessen zu pürieren und das Frühstücksbrot nicht und durch die Anfälle bestünde eben eine akute Gefahr, dass Saskia an einem Bissen ersticken könne. Auf mein Argument, auch an püriertem Essen könne sie sich verschlucken, bekam ich zur Antwort, das würde dann aber höchstens zur Aspiration und zur Lungenentzündung und nicht gleich zum Ersticken führen und die Alternative sei dann eben, das Essen gar nicht mehr oral zu geben. Na, Danke auch! Letztlich könne eben keiner die Verantwortung übernehmen (komisch – im Kindergarten war das nie ein Thema).

Nun gut, dann eben erstmal Schlucktraining. Saskia reagiert nicht auf Ansprache und beschäftigt sich damit, ihre Hand zwischen Rad und Greifreifen vom Rollstuhl zu schieben und wieder rauszuziehen und wieder rein und wieder … „Saskia, was möchtest du spielen?“ Keine Reaktion. „Das? Oder das?“ – Der Blick geht in Richtung „Eisenbahnspiel“, sie zeigt sogar drauf. Gut, dann dieses. Zum Schlucken war sie allerdings unter keinen Umständen bereit – nicht einfach so, nicht mit guten Worten, nicht mit unterstützendem Kirschsaft. Sie dreht den Kopf weg und schiebt ihre Hand wieder zwischen den Reifen. „Saskia?“ Keine Reaktion. Ich rede ihr zu, die Logopädin versucht es, schließlich brechen wir das ganze ab.

„Jaaaaaaaaa.“ schreit Saskia begeistert, sobald wir den Raum verlassen. Sie hat viel Spaß, laut zu schreien, während ich sie anziehe und wir wieder zum Auto gehen. „Jaaaaa. Jaaaa. Jaaaaaaaa. Papaaaaaaaaa!!!! Jaaaaaaa. ….“ Eine halbe Stunde lang, bis wir wieder daheim waren.

Dankeschön, mein Kind, ich fahre doch gerne ’ne Stunde im Feierabendverkehr durch die Stadt und hänge ’ne Dreiviertelstunde bei der Logopädin rum, wenn du auch nicht das kleinste Bisschen Kooperationsbereitschaft zeigst. ;( Aber schön, dass du wenigstens Spaß hast.

4 Gedanken zu “Totalverweigerung

  1. Der Onkel einer Freundin ist am 1. Weihnachtstag an einem Stück Gans erstickt. Shit Happens !
    Wir hatten das bei der KG erzählt und sie erklärte uns den superwichtigstens Handgriff, den jeder beherrschen sollte. Ich meine zwar, er hieß noch anders, aber er funktionierte genauso:
    Heimlich-Manöver

    Ich frag gleich nochmal nach !

    Sollte eigentlich zum Ausbildungsprogramm des Fachpersonals gehören…

    Gruß
    Andrea

    PS: Die Logopädin wäre für mich damit wahrscheinlich gestorben.

  2. Doch, die Bezeichnung Heimlich-Manöver stimmt schon. 🙂
    Aber soweit ich weiß, hat das seinen Ursprung im Einatmen festen Essens … so ähnlich wie bei Schneewittchen …

    Und übrigens kann man an Flüssigkeit in der Lunge auch ertrinken. 😉 Sprich: nach der Definition dürfte Saskia auch nicht selbst trinken. *kopfschüttel*

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