Was fördern eigentlich Förderschulen?

Seit dem Elterngespräch vorige Woche und dem Schulbesuch des besten Ehemanns von allen am Dienstag grüble ich. Wir hatten damals lange überlegt und uns mit einem recht guten Gefühl für Saskias Schule entschieden. Momentan ist von diesem guten Gefühl nur sehr wenig übrig.

Ja, Saskia hat ganz sicher ihre Defizite, die sind nicht zu leugnen und nicht weg zu diskutieren und ob sie die jemals auch nur andeutungsweise aufholen kann, steht in den Sternen. Aber: Es gibt auch eine Menge Dinge, die Saskia kann – je nach Tagesform nicht immer gleich gut, aber immerhin so gut, dass es sich lohnt, es sie versuchen zu lassen.

Eine dünne Suppe kann Saskia nicht selbstständig essen. Sie kann sich auch kein Brot schmieren. Aber sie kann ein geschmiertes Brot in die Hand nehmen und abbeißen oder (noch besser) eine in Stücke geschnittene Scheibe Brot in den Mund stecken. Das geht (fast immer) ohne fremde Hilfe und man muss lediglich darauf achten, dass nicht zuviel auf einmal im Mund landet, sondern erst gekaut und geschluckt wird, bevor der nächste Bissen kommt. Dazu braucht Saskia niemanden, der ihr die Hand führt und auch niemanden, der das Brot püriert. Vielleicht dauert es auf diese Weise etwas länger, aber nur so kann sie es lernen. Und heißt es nicht immer, man soll die Kinder beispielsweise lieber selbst ihre Schuhe zu binden lassen statt einzugreifen, auch wenn es noch so lange dauert?

Manchmal muss man Saskia zu ihrem Glück zwingen, aber wenn sie zu Fingerspielen keine Lust hat, wird sich das auch nicht ändern, wenn ihr jemand gegen ihren Willen die Hände führt. Ja, ich weiß, dass es frustrierend ist, wenn man etwas mit ihr machen möchte, was sie nicht will, aber die Erfahrung lehrt mich, dass es sinnvoller ist, Saskia mit kleinen Tricks zur Zusammenarbeit zu bewegen als sie zu zwingen – denn das klappt gar nicht. Ja, dann besteht das Risiko, dass sie irgendwas nicht macht, aber das ist mir im Zweifelsfall immer noch lieber, als dass irgendjemand etwas mit ihr macht, nur um es abhaken zu können.

Wir haben uns gegen einen integrativen (oder von mir aus auch ‚inklusiven‘) Schulbesuch an der örtlichen Grundschule entschieden, weil wir Angst hatten, dass Saskia dort untergeht, ihre Zeit absitzen muss, ohne dem Unterricht folgen zu können und zum Klassenmaskottchen wird, das zwar mittendrin, aber eben doch nicht wirklich dabei ist. Deshalb eine Förderschule, die die Kinder „dort abholt, wo sie stehen“. In der Theorie klingen Sätze wie: „Wir wollen die Selbstständigkeit der Kinder fördern.“ oder „Sie sollen ‚das Leben lernen‘.“ ja toll, aber wie sieht es mit der Umsetzung im Alltag aus? Was lernt Saskia, wenn ihr in der Schule der Allerwerteste nachgetragen wird? Selbstständigkeit? Sicher nicht. OK, die Physiotherapeutin weiß inzwischen, dass Saskia sehr wohl selbstständig Rollstuhl fahren kann (was sie anfangs absolut ausschloss!) – aber was wird tatsächlich im Schulalltag gefördert?

Irgendwer hat offenbar in den ersten Schulwochen Saskia den Stempel „kann gar nichts eigenständig“ aufgedrückt und nun ist keiner bereit, das mal zu hinterfragen. Ich weiß, dass die Anfallssituation gerade kurz nach der Einschulung sehr schlecht und Saskia sehr, sehr schlapp war – aber davon kann doch nicht ihre gesamte schulische Zukunft abhängen?!

4 Gedanken zu “Was fördern eigentlich Förderschulen?

  1. Das ist eigentlich mein Hauptargument für Förderschulen, daß man dort die Zeit und die Möglichkeit hat, die Kinder es selber machen zu lassen und nicht durch den Druck der Regelkinder der Schulbegleiter alles an Selbständigkeit übernehmen muß. Aber wenn das auch nicht gemacht wird…

    Liebe Grüße

  2. Ach es ist so frustrierend!
    Und wenn ein Kind dann mal den Stempel „kann garnichts“ hat, wird es ihn auch nicht schnell wieder los (meine Erfahrung)
    Bei unseren Kinder kommt dann leider noch die Angst vor den Anfällen dazu, die manchmal echt wahnsinnig gross ist und dabei oft irrational wird.
    Bei uns gab es eine Lehrerin, die unserem freiwillig nicht mehr nahe kam….wie soll man denn ein Kind so unterrichten.
    Scheinbar gibt es hier zwischen Körperbehinderten und Geistig behinderten Schule keine unterschiede…
    Ich hätte es euch wirklich anders gewünscht!
    Alles Liebe
    Conny

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