Selektiver Mutismus oder: Ein Talker für Saskia?

Saskia und die Sprache – das sind zwei Dinge, die nur bedingt zusammen passen. Zuhause ist es inzwischen so, dass uns Saskia regelrecht „ein Ohr abkaut“ – alles wird kommentiert, gern auch mehrfach und mehrfach und mehrf…

Sobald allerdings andere Menschen als Mama und Papa anwesend sind, wird Saskia schweigsam. (Als am Wochenende Oma und Opa zu Besuch waren, die Saskia ja auch nur wenige Male im Jahr sieht, war ich positiv überrascht, dass sie erstaunlich viel gesprochen hat.) Je nachdem, wie sicher sie sich ansonsten fühlt, dauert das Schweigen unterschiedlich lange. Bei fremden Menschen können schon einige Stunden vergehen, bis Saskia auch nur in Ansätzen zu sprechen beginnt. Allerdings ist die Sprechbereitschaft auch sehr stark von der Gesamtsituation abhängig. Sobald man von Saskia eine Antwort erwartet und dies auch zum Ausdruck bringt, kann man fast sicher davon ausgehen, dass man eben keine Antwort bekommt.

Mit ihrer Schulbegleiterin spricht Saskia durchaus – im Bus. In der Schule allerdings fast gar nicht, jedenfalls nicht, sobald mehrere Menschen anwesend sind. Auch von den Therapeuten in der Schule wurde uns schon gesagt, dass sie in Einzelsituationen eher eine Chance haben, mit Saskia ins Gespräch zu kommen als innerhalb der Klasse.

Das ist eine etwas doofe Situation, denn in der Schule werden natürlich Antworten erwartet und das möglichst auch zeitnah. Vor ca. einem Jahr kam das erste Mal der Gedanke an einen Talker auf, mit dem Saskia sich äußern könnte. Damals ging es ihr allerdings deutlich schlechter als heute und die Möglichkeiten waren insofern ziemlich beschränkt. Das Thema wurde mehr oder weniger erstmal vertagt. Eine Zeit lang kam Saskia mit einem „Step by Step“ nach Hause, auf den abwechselnd wir und das Klassenteam kurze Nachrichten sprachen. Das schlief irgendwann wieder ein. In der Schule war ein GoTalk 9 im Einsatz, aber auch dessen Möglichkeiten sind natürlich sehr, sehr eingeschränkt.

Mit Beginn des neuen Schuljahres kam das Thema wieder auf und eines Tages kam Saskia mit einem Tobii S32 nach Hause, den sie in der Schule zum Test erhalten hatte. Sie hatte zwar Spaß daran, damit rumzuspielen und schaffte es auch problemlos, die einzelnen Vorlagenblätter zu wechseln, aber zur ernsthaften Kommunikation nutzten wir es nicht. Die Logopädin, die das Gerät sah, war der Meinung, das sei der falsche Weg. Bei der Beratung mit dem UK*-Beauftragten und einem Vertreter der Herstellerfirma in der Schule, kam raus, dass der Talker für Saskia tatsächlich zu unflexibel sei, denn damit könne sie ja nur die Worte oder Sätze ausdrücken, die irgendjemand mal gesprochen und als Vorlage abgelegt hätte. Maximal 36 Elemente pro Vorlagenseite sind möglich. Flexibler sei da das Rehatalkpad, ein I-Pad, das mit entsprechender Software versehen wird und eine spezielle Hülle sowie einen lauteren Lautsprecher bekommt und dann sehr flexibel eingesetzt werden kann. Ja, durchaus nettes Spielzeug – aber ob Saskia es wirklich einsetzen würde? Die Logopädin meint jedenfalls, das sei alles Unsinn und wenn man in der Schule mit Saskia anders umginge, bräuchte sie auch keinen Talker – sie hat die Klassenlehrerin am Telefon wohl ziemlich runtergeputzt. Und nun? Aus Richtung der Schule habe ich in den letzten 3 Wochen nichts mehr zum Thema gehört, seit Ende voriger Woche steckt der Talker nicht mehr jeden Tag im Ranzen, eine „Wunschliste“, was aufs Talker-Rezept (das die Kinderärztin ausstellen müsste) geschrieben werden sollte, war bisher auch noch nicht dabei. Ist das Thema also erstmal vom Tisch?

Ich bin ein bisschen im Zwiespalt und überlege, ob wir vielleicht ganz privat ein Tablet für Saskia anschaffen sollten. Das wäre höchstwahrscheinlich kein I-Pad, sondern eher etwas auf Android-Basis und nur am Rande zur Kommunikation (obwohl es auch Talker-Apps für Android gibt), dafür eher zum Lernen eines spielerischen Umgangs mit einem solchen Gerät. Hmm. Aber vielleicht hat das ja auch noch Zeit.


*UK = Unterstützte Kommunikation

7 Gedanken zu “Selektiver Mutismus oder: Ein Talker für Saskia?

  1. Da kenn ich mich nun so gar nicht aus …. das Kind hier redet den ganzen Tag mit jedem … einfach ständig. Aber halt so oft nur Quatsch …
    Das hört sich gut an, es zu Hause „privat“ zu probieren, aber bei Euch spricht sie ja …

  2. Vreni schreibt:

    Saskia hat ja bereits enorme Fortschritte gemacht in kommunizieren. Ich hatte auch ein ganz gesundes Mädchen, dass vor anderen Menschen nur das Minimum gesprochen hat im Alter von Saskia. Sie spricht auch heute als Erwachsene noch nicht soviel wie ihr Bruder.
    Ich kenne mich da mit Talker auch nicht aus, hätte aber Bedenken, dass er die normalen, wenn vielleicht auch langsame Entwicklung einschränken würde.
    Vielleicht versuchen eine Umwelt zu schaffen, in der sich Saskia zu Hause fühlen kann, weiss das ist schwer.
    Schwere Entscheidung für Sie beide, Daumen sind gedrückt für eine Entscheidung hinter der sie stehen können.

    • Ein Talker kann durchaus auch das Sprechen fördern. Saskias Freundin hat einen, den sie privat auch kaum zur Kommunikation nutzt (in der Schule wohl durchaus) – sie nutzt ihn allerdings, um sich bestimmte Wörter immer wieder vorsprechen zu lassen und spricht inzwischen deutlich besser als vor ein paar Jahren. (Ist allerdings bei ihr eine völlig andere Behinderung und insofern nur bedingt vergleichbar.)

  3. Ich denke auch nicht, dass ein Talker hier das Mittel der Wahl ist. Im Gegenteil traue ich Saskia zu, inhaltlich zu verstehen, dass sie sprechen, mitarbeiten müsste – mir ist klar, dass diese Aussage die Situation nicht löst. Sprecht Ihr denn mit Saskia darüber? Ihr hattet mal das Thema Unterforderung angesprochen, besteht das noch?

    Ich bin situationsabhängig auch schon mal „verstockt“ oder sogar ganz gehemmt, was das Sprechen angeht, hab mir damit einige Uni-Prüfungen versaut …

    Grundsätzlich würde ich auch unleidlich werden, wenn mich jemand drängt, kann mir auch vorstellen, dass ich als Kind so war, „gschamig“, würde der Schwabe sagen. Und meine Sprache war auch vor knapp zeum Jahren noch so „schlimm“, dass ich nochmal bei der Logopädie vorgestellt wurde. Es endete damit, dass wir mehr Rücken- und Zungengymnastik gemacht haben als an der Sprache an sich gearbeitet.

    Ich glaube, Saskia weiß sehr genau, wer ihr wohlgesonnen ist und wer nicht.

    • Wir sprechen mit Saskia kaum darüber. Über die Situation in der Schule gar nicht, weil wir die ja nur vom Hörensagen kennen. In anderen Situationen sagen wir höchstens mal etwas wie: „Du darfst ruhig antworten.“, wenn sie auf eine Frage verschämt den Kopf wegdreht und schweigt. Ich habe den Eindruck, je mehr wir das thematisieren, um so „verstockter“ wird sie.

      Ich glaube schon, dass ihre Lehrerinnen / Erzieherinnen ihr auch wohlgesonnen sind, aber die Erwartungshaltung ist in der Schule einfach eine andere.

      • Anne schreibt:

        Ich kann da nur von mir sprechen, aber sobald ich merkte, daß von mir z.B. ein „Danke“ erwartet wurde, hatte ich auch eine ganz heftige Abneigung dagegen. Auch heute ist mir das noch unangenehm, aber der Verstand siegt meistens.
        „Du darfst ruhig antworten“ finde ich aus dieser -meiner- Perspektive her, hmmm, doof. Es hat so etwas Belehrendes, Tadelndes, schwer zu beschreiben. Auf alle Fälle würde es -wäre ich noch Kind- auch wieder das Gegenteil bewirken und gleichzeitig würde ich mich doof fühlen, weil ich anders bin als andere, denen das ja anscheinend keine Probleme bereitet.
        Ich finde es gut, daß ihr das kaum mit Saskia thematisiert. Aber vielleicht solltet ihr die wenigen Sätze auch noch mal ganz genau überprüfen. (Übrigens, vermutlich bin ich „hochsensibel“. Möglicherweise ist Saskia das in Bezug auf Gefühle auch? Nur mal ein Gedankenanstoß zum Überlegen, ich möchte hier keine Ferndiagnosen stellen.) Ihr als Eltern kennt sie ja am besten.

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