25 Jahre Mauerfall – Erinnerungen an den Herbst 1989

Am 9. November 1989 war ich gerade noch 18 Jahre, lebte in Leipzig, war im dritten Lehrjahr meiner Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur und würde diese gemeinsam mit dem Abitur im Sommer 1990 abschließen.

Ich war Jung- und später Thälmannpionier gewesen, war in der FDJ ebenso wie in der Jungen Gemeinde, ich hatte mit 14 an der Jugendweihe teilgenommen – und es auch nie in Frage gestellt. Ich wurde mit 17 konfirmiert – auf meinen Wunsch hin. Einigen reichte die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche, um mich skeptisch anzusehen, für größere Repressalien reichte es nicht. Dass ich meinen Wunsch-Ausbildungsplatz nicht bekommen habe, lag eher an den guten Beziehungen, die jemand anders hatte und die mir eben fehlten (genauso wie die West-Verwandtschaft, die nette Päckchen schickte). Ich wusste nach meiner Ausbildung immerhin, wo ich NICHT die nächsten Jahrzehnte arbeiten wollte – ist ja auch was wert. 😉

Über die Kirche bzw. die Junge Gemeinde lernte ich etliche Menschen aus anderen Gemeinden kennen, auch meinen damaligen Freund, der am anderen Ende Leipzigs wohnte. Wenn einer im Westen wohnt und im Nordwesten (außerhalb der Stadt) arbeitet, der andere im Südosten wohnt, dann kommt man zwangsläufig häufig durch die Innenstadt. Je nach Lust und Laune mit der Straßenbahn oder auch zu Fuß. Die Friedensgebete in der Nikolaikirche kannten wir, waren aber nur selten dort.

Im Sommer 1989 machte ich – ohne meinen Freund, aber mit 6 anderen Leuten aus unserem gemeinsamen Bekanntenkreis – eine Radtour durch Ungarn. Natürlich bekamen wir mit, was dort los war, sahen die Fotos in den Zeitungen von den an der ungarisch-österreichischen Grenze zurück gelassenen Trabis, wussten, dass die Grenze offen ist und interessierten uns nicht weiter dafür. Wir radelten unsere gut 500 km und fuhren schließlich wie geplant mit dem Zug zurück nach Leipzig.

Die Sommerferien waren zu Ende, die Schule hatte wieder begonnen, die Staatsbürgerkunde-Lehrerin war enttäuscht, weil noch keiner aus der Klasse Mitglied der SED war und weil sich keiner am Montag Abend nach dem alten Film im DDR-Fernsehen noch den „Schwarzen Kanal“ mit Karl-Eduard von Schnitzler ansah. Alles wie immer also. Allerdings gingen nun mehr Menschen zu den Friedensgebeten und irgendwann gingen sie anschließend nicht einfach nach Hause, sondern auf die Straße. Anfangs waren es wenige und man hörte am nächsten Tag von dem einen oder anderen, der am Montag „zugeführt“ und später wieder frei gelassen wurde. Es waren Menschen dabei, die ich mehr oder weniger gut kannte und es war jede Woche wieder ein beklemmendes Gefühl. Es wurden mehr Menschen, die auf die Straßen gingen. Ich war nicht bei jeder Montagsdemo dabei, aber bei vielen. Ich erinnere mich an die Demos Anfang Oktober 1989, als noch nicht klar war, wie die Polizei reagieren würde. Als plötzlich Polizisten mit Helm und Schutzschild vor uns standen (was ich so nur aus dem Westfernsehen kannte) und keiner wusste, wie sie reagieren würden. Ich erinnere mich an die Kerzen, an die Rufe „Keine Gewalt!“ und daran, dass alles friedlich blieb. An die Massen, die eine Woche später auf die Straße gingen und daran, dass plötzlich irgendwie alle dabei waren. Wir liefen den Ring entlang, am Stasigebäude („Runde Ecke“) vorbei und wir hatten wirklich das Gefühl, dass die Stasi uns nichts mehr anhaben könne.

Die Demonstrationen am Montag-Abend gehörten nun zu unserem Leben und wir hofften, wir können etwas verändern. Reisefreiheit war ebenso ein Wunsch wie „Mehr Demokratie“. Wir hofften auf eine Erneuerung des eigenen Landes, auf den Rücktritt der gesamten „Partei- und Staatsführung“ und auf freie Wahlen und konnten es uns kaum vorstellen.

Was ich am 9. November 1989 gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Aber am Freitag, dem 10. November, beschlossen mein Freund und ich, am nächsten Tag nach Berlin zu fahren, um wenigstens einmal im Westen gewesen zu sein und unsere 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen – schließlich wusste ja keiner, wie lange die Grenze offen bleiben würde.

3 Gedanken zu “25 Jahre Mauerfall – Erinnerungen an den Herbst 1989

  1. Carolin schreibt:

    Liebe Graugrüngelb,
    danke für diesen Bericht !
    Ich glaube, ich war am 9. November zuhause, weit weg von der DDR und der BRD und habe gestaunt.
    Ihr habt das wirklich gut gemacht.
    LG Carolin.

  2. Hesting schreibt:

    Ich war just zu dieser Zeit stationär in der Klinik (4 Monate lang, von September bis Dezember, leider haben meine Eltern keine Unterlagen mehr darüber, obwohl es damals eigentlich schon wegen des Asperger-Syndroms war) und habe das eine oder andere mitbekommen, aber nicht übermäßig viel. Vielleicht lag der umgebende Wall gleich bei unserer Station, vielleicht auch nicht – jedenfalls haben wir meines Wissens einige Demos gehört. Maßgeblicher in meiner Erinnerung sind die bald an einer Mauer Nähe Waldschlößchen auftauchenden Graffito-Schriftzüge, die in den nächsten 18 Monaten zur Blüte kamen, um dann irgendwann nachzulassen. Inzwischen steht diese Mauer meines Wissens nicht mehr und im Gebäude dahinter sitzt auch keine Stasi mehr. ^^
    Ich möchte keinem auf den Schlips treten, aber für mich hat sich das Leben vor diesem Herbst nicht problematisch dargestellt. Ich bin aber auch jünger als Du, war damals erst elf … wir hatten eine Familie, die Geborgenheit bat und oft besuchte man sich untereinander und aß und trank und was weiß ich nicht noch alles. Dann sind wir umgezogen, und damit fiel der Zerfall der Familie bzw. der Traditionen eigentlich an. Großeltern werden eben nicht jünger. Es gab noch eine Zeit, in der sich meine Mutter und ihr Vater für die Genealogie engagierten – ein ferner Cousin von ihm hatte alle oder fast alle Erdenbewohner unseres Namens inkl. Ahnentafeln zusammengeführt -, aber irgendwann kamen dann doch Meinungsverschiedenheiten zu Tage und der Kontakt brach ab. Das ist jetzt auch schon wieder einige Jahre her.

  3. geologenkinder schreibt:

    Der Herr Gemahl war damals auch in Leipzig, am 7.Oktober, 18 jährigig, mitten in den Massen, ich nenne ihn deshalb gern Verräter. Beachtliches ist damals passiert, viele Mutige Menschen sind einen ungewissen Weg gegangen, ich war 14 und habs nicht verstanden, mir ging es gut damals.

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