Zeitreise

Als ich Kind war – in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – wurde (zumindest gefühlt) überall geraucht: Auf der Straße, in Restaurants, im Fernsehen, im Zug, im Auto, in der Werkstatt … und natürlich auch zu Hause. Ich fand es immer schon eklig und meine Eltern konnten vermutlich ein Lied davon singen, weil ich das durchaus auch in Gegenwart von Freunden oder Verwandten zum Ausdruck brachte. Meine Großeltern, bei denen ich teilweise gelebt habe, rauchten zwar nicht – aber wenn rauchende Bekannte oder vielleicht rauchende Handwerker zu Besuch waren, räumte meine Oma nicht nur den Aschenbecher auf den Tisch, sondern auch die Zigaretten dazu. Als Nichtraucher in der eigenen Wohnung das Rauchen nicht zur zu dulden, sondern in gewisser Weise sogar zu fördern – auf so eine Idee käme ich NIE. Aber damals war es zumindest bei uns so – die Gastfreundschaft stand an erster Stelle.

Als Jugendliche in den 80er Jahren war ich immer noch Nichtraucherin und damit in meiner Umgebung auf ziemlich verlorenem Posten. Ich erinnere mich an Abende in der Jungen Gemeinde, an denen ich von 16 Leuten die einzige Nichtraucherin war. Der Pfarrer rauchte Pfeife (mit Vanillearoma), deren Geruch ich noch ganz angenehm fand, die Jugendlichen rauchten „f6“ oder „Karo“ – und ich habe es gehasst. Nach jedem Abend stanken die Klamotten, die Haare, einfach alles nach kaltem Rauch. Bähh.

Beim Udo-Lindenberg-Konzert im Januar 1990 in Leipzig wurden am Eingang Probepäckchen mit je 5 Zigaretten verteilt. (Auf die Idee käme heute zum Glück keiner mehr.) In der Messehalle herrschte den ganzen Abend dichter Nebel.

Als ich schwanger war, machte ich mit dem besten Ehemann von allen 3 Wochen (Bildungs-)Urlaub in Irland, wo gerade das Rauchen in Pubs verboten worden war. Es war so toll. Man konnte einkehren, ohne sich wie Räucherware zu fühlen. Ich genieße es wirklich, dass man auch in Deutschland inzwischen Essen gehen kann, ohne eingeräuchert zu werden. Und auch in meinem Umfeld sind die Raucher inzwischen deutlich in der Minderheit. Hallelujah! Wer heute noch raucht, tut das meist im Freien (gezwungenermaßen, weil es in vielen Gebäuden nicht mehr erlaubt ist oder freiwillig, weil selbst die Raucher sich am Gestank in der Wohnung stören).

Gestern waren wir mit einer Schulfreundin von Saskia und deren Mutter unterwegs. Das Mädchen geht seit 1,5 Jahren in Saskias Klasse und ist ihre beste Freundin. So weit, so schön. Wir hatten gemeinsam etwas vor und aus organisatorischen Gründen trafen wir uns bei ihnen zu Hause zum Kaffee trinken und um dann gemeinsam loszugehen. Wir kamen um 13:30 Uhr an, der Tisch war gedeckt und während wir etwas tranken und uns unterhielten, wurde die erste Zigarette angezündet. Kurze Zeit später die zweite. Als wir 14:15 Uhr aus dem Haus gingen, folgte Nummer 3 auf dem Weg zur U-Bahn, dann die vierte beim Warten auf dem Bus und die fünfte als wir am Ziel ankamen. Die Veranstaltung dauerte von 15:30 Uhr bis 16:30 Uhr, dann das gleiche Spielchen auf dem Rückweg wieder. Die Kinder äußerten den Wunsch, noch ein bisschen zusammen zu spielen und so kehrten wir auf dem Rückweg nochmal in der Wohnung mit ein. 5 Stunden und 10 Zigaretten nach unserer Ankunft verabschiedeten wir uns und ich stellte fest, dass ich Rauchen inzwischen noch ekliger finde als früher. Ich hatte Kopfschmerzen und fand es einfach nur wi-der-lich. Sämtliche Sachen wanderten wegen akutem Gestank unmittelbar in die Waschmaschine, Saskias und meine Haare wurden noch gestern Abend gewaschen, selbst die Jacken, die nur im Flur hingen, hatten den Geruch angenommen.

Ich fühlte mich mindestens 30 Jahre in die Vergangenheit versetzt, als Rauchen noch gesellschaftsfähig(er) war. Dass eine Mutter ihr eigenes Kind (und deren Freundin und Eltern) den ganzen Nachmittag einnebelt, habe ich zum Glück schon ewig nicht erlebt. Auf dem Tisch und dem Schrank direkt neben dem Tisch standen zwei volle Aschenbecher, das Mädchen hat 1a-Raucherhusten … und ich verstehe es einfach nicht.

Und ich weiß noch nicht so richtig, wie ich damit umgehe. Da es leider mit der Selbstständigkeit der Kinder nicht so weit her ist, ist das Ohne-Eltern-drußen-rumziehen o.ä. leider nicht drin. Und auch diese Freundin wohnt etwa 7km entfernt (und damit im Vergleich zu anderen Mitschülern noch recht nah), also hängen wir Eltern immer mit drin. Ich möchte Saskia nicht ihre Freundin vermiesen, aber auch nicht stundenlang in einer Räucherhütte lassen. Das nächste Mal ist erstmal treffen bei uns angesagt, aber eine Dauerlösung ist das ja auch nicht.

4 Gedanken zu “Zeitreise

  1. Hallo, ich kann dich total verstehen. Der Gestank ist echt widerlich. Ich bin froh, dass in unserem Umkreis sich keiner in seiner Wohnung einnebelt. Da muss ich auch nicht überlegen, wie ich es mit Spielverabredungen handhabe. Viele Grüße von Maryme

  2. Lulu schreibt:

    Ich erinnere mich Grausen, auch spät abends noch die Haare waschen zu müssen, wenn ich mit Freunden unterwegs war, weil ich mit dem Gestank in der Nase nicht schlafen konnte. Damals habe ich mich nicht schick gemacht zum Ausgehen, sondern angezogen, was ich die nächsten Tage nicht brauchen würde.

    Meine Eltern waren Kettenraucher; damals habe ich den Gestank nicht so wahrgenommen, heute frage ich mich, wie meine Mitschüler mich ertragen konnten. Und ich hatte regelmäßig eine Bronchitis…

  3. Oh jeh… ein echtes Problem.
    Robert sagt das immer bei jeden sofort!
    Da bekommt er oft was doofes zurück und dann greif ich auch noch ein! Unangenehm…..
    Was tut Ihr da nun nur? Wenn die Mutter dort in der Wohnung raucht, wird sie es machen, wenn sie nicht mal auf das eigene Kind Rücksicht nimmt.
    Ich finde es so schlimm, dass vor allen Türen geraucht wird. Da war man schön Essen und dann muss man durch diese Wolke, wenn man das Lokal verlässt….
    Bin gespannt wie das für Euch weitergeht mit Saskias Freundin
    liebe Grüsse
    Elisabeth

  4. Melanie schreibt:

    Ich kann dich sehr gut verstehen. Meine Großeltern bei denen wir oft waren oder sie bei uns haben beide geraucht, auch bei uns in der Wohnung.
    Mein Vater rauchte auch, aber nur bis ich etwa 8 war, da kann ich mich nicht mehr so gut dran erinnern. Aber er war halt nur Abends zuhause und als Kind fand ich das alles nicht so schlimm. Die Mutter meiner besten Freundin rauchte auch sehr viel und ich war oft dort.

    In meiner Jugend habe ich dann selber geraucht, aber nur draußen oder bei offenem Fenster, weil ich das einfach selber nicht mochte den Gestank in meinem Zimmer zuhaben. Mein Freund (jetzt Mann) hat auch sehr viel geraucht.

    Als ich wann schwanger war, war für mich klar das es so nicht weitergehen kann. Ich selber habe nie viel geraucht und habe dann von heute auf morgen aufgehört, was mir erstaunlicherweise sehr leicht fiel. Mein Mann sagte immer wenn wir mal ein Kind bekommen höre ich auf 😀 Das war dann für ihn aber doch nicht so einfach. Als wir zusammen zogen war klar das in der Wohnung nicht geraucht wird, weder mein Mann noch Besuch. Einzige Ausnahme waren meine Großeltern, weil ich sie nicht in der 2. Etage runterlaufen lassen wollte. Sie haben aber von sich aus sehr wenig bis nicht geraucht bei mir und wenn dann an offenen Fenster mit geschlossener Türe.
    Mein Mann hörte dann zum Glück auch auf!
    Später hatten wir dann einen Balkon und die Raucher gingen raus.
    Bei uns hat sich das zum Glück alleine geregelt und die Raucher gingen von alleine raus.

    Wir hatten zum Glück nie das Problem mit den Freunden das sie Eltern geraucht haben.

    Aber alles in allem bin ich wirklich froh das nicht mehr überall geraucht wird.
    Ich merke auch wenn mein Mann auf der Arbeit mit den Kollegen vor der Türe stand wo die anderen geraucht haben, der darf dann erstmal duschen und die Sachen in die Waschmaschine stecken 😉

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