Ist die Schule eigentlich die richtige für Saskia?

Egal, ob hier in den Kommentaren, in Foren oder auch im realen (Offline-)Leben: Die Frage nach der Schule wird mir ziemlich häufig gestellt. Ist Saskia eigentlich richtig in der Schule? Habt ihr schon mal über eine andere Schule nachgedacht? Gäbe es da nicht andere Möglichkeiten?
Tja. Ich kann dazu nur ganz klar sagen: Jein.
Saskia besucht derzeit die 6. Klasse einer Körperbehindertenschule (bzw. „Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung“, wie es offiziell heißt). Allerdings sind die Schüler an dieser Schule nicht einfach „nur“ körperlich behindert. Denn ein Kind, das „nur“ motorische Einschränkungen hat (egal, ob es nun auf den Rollstuhl angewiesen ist oder andere körperliche Einschränkungen hat), das aber geistig altersgerecht entwickelt ist, wird höchstwahrscheinlich integrativ an einer Regelschule beschult. Um auf die Förderschule zu gehen, kommt also noch irgendein anderes Problem dazu, das mindestens zu einer Lernbehinderung führt.
In Saskias Schule ist (geschätzt) etwa die Hälfte der SchülerInnen sichtbar körperlich behindert, sitzt im Rollstuhl, läuft mit Rollator, trägt Orthesen, wird beatmet usw. Anderen SchülerInnen sieht man die Behinderung nicht sofort an – wir wissen von Kindern mit Autismus, mit Epilepsie, ehemaligen Frühchen, Kindern mit irgendeinem Gendefekt, der sie die Welt anders wahrnehmen lässt, Kindern mit Tumoren … das Spektrum ist sehr breit. Es gibt Flüchtlingskinder und Kinder, die einfach möglichst kleine Klassen brauchen, um den Schultag zu verkraften.
Als wir Saskia in dieser Schule anmeldeten, war sie auf den Rollstuhl angewiesen, hatte täglich massenhaft epileptische Anfälle und nahm ihre Umgebung kaum wahr. Damals gab es keine sinnvolle andere Wahl. Integrative Beschulung ist unserer Meinung nach sinnlos, wenn die Einschränkungen so extrem sind, dass man das Kind schlicht nicht integrieren kann. Wie hätte das denn praktisch aussehen sollen?
Inzwischen ist Saskia körperlich fit, sechs Jahre mit tausenden Anfällen haben aber Spuren hinterlassen, die auch nach fünf Jahren Anfallsfreiheit deutlich sichtbar sind. Saskia kann inzwischen lesen … Ob sie den gelesenen Text wirklich versteht, ist nicht immer klar. Bei einfachen Texten klappt es, werden die Texte länger oder komplizierter, bezweifle ich es. (Mit Sicherheit sagen kann ich es nicht, denn Saskia fragt normalerweise nicht nach, wenn sie etwas nicht verstanden hat und beantwortet Fragen meinerseits dann auch gern mal mit Schulterzucken oder Wegsehen.) Mathematik beschränkt sich auf „Plus- und Minusaufgaben“ im (immerhin inzwischen) 100er-Zahlenraum. Englisch auf ein paar Vokabeln wie „Hello“, „Good morning“, ein paar Zahlen und Farben (alles nur mündlich, hier wird weder gelesen noch geschrieben). Andere Fächer? Keine Ahnung!
Welche Schule wäre also die richtige für sie? Eingangsstufe der Grundschule würde inhaltlich passen, altersmäßig allerdings nicht. 6. Klasse einer weiterführenden Regelschule? Ganz sicher nicht. Davon sind wir meilenweit entfernt.
Bliebe eine andere Förderschule. Die Förderschulen mit dem Schwerpunkt „Lernen“ wurden im Zuge der Inklusion abgeschafft. Förderschule „Geistige Entwicklung“ fand ich schon vor sechs Jahren falsch und finde ich heute noch unpassender. Förderschulen „für Sehbehinderte und Blinde“ und „für Hörgeschädigte“ scheiden aus naheliegenden Gründen aus.
Insofern: Auch wenn Saskias Schule vielleicht nicht optimal ist, sehen wir derzeit keine Alternative.

3 Gedanken zu “Ist die Schule eigentlich die richtige für Saskia?

  1. Bei euch gibts Förderschulen mit Schwerpunkten? Das hört sich prinzipiell ja gut an. In Österreich haben wir eine ähnliche Problematik. Die „Sonderschulen“ würden liebend gerne abgeschafft werden. Ziel hier ist, dass bis 2020 Sonderschulen (oder neuerdings Zentren für Inklusion und Sonderpädagogik) möglichst nicht gebraucht werden. Der Großteil der Kinder soll inklusiv in allgemeinen Schulen unterrichtet werden. Nur wie das ganze dann in der Praxis umgesetzt werden kann, scheint noch nicht ganz klar.
    Also wenn entsprechende Stützkräfte, Lehrer für das einzelne Kind zur Verfügung stehen, wäre das System für Kinder wie eure Saskia sicher sehr gut. Es ist ja nicht zwingend notwendig, dass alle den selben Stoff durchmachen. Und ich bin mir sicher, Saskia schafft noch vieles!

    Für Niklas hoffe ich, dass das Modell der „Sonderschule“ für Kinder wie ihn weiterhin bestehen bleibt. So wie du schreibst, wenn ein Kind ganz andere Förderungen braucht wie Mathe, Deutsch oder Englisch… wenn es vielleicht lernen soll sich selbst besser zu spüren, einen Löffel zu halten, vielleicht einen Kreis ausschneiden,…. dann macht es für mich keinen Sinn es in eine „normale“ Klasse zu setzen. Noch dazu wo es dort sicher keine entsprechenden Rückzugs- Pflege- und Erholungsmöglichkeiten gibt.

    Überhaupt nicht einfach… sag, habt ihr eine Stelle die da beratet oder weiterhilft?

    • Ja, es gibt Förderschulen mit Schwerpunkten, aber letztlich ist es trotzdem recht gemischt. Und ohne geistige Einschränkungen wäre auch eher die Regelschule zuständig. In Saskias Zeugnis steht, sie wird „nach einem individuellen Förderplan unterrichtet, der sich an den Inhalten der Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung orientiert.“ Tja. Hmm. Dann könnte ich sie auch direkt auf ’ne G-Schule schicken, statt auf K-M, oder?

      In der Theorie geht es tatsächlich darum, dass jedes Kind entsprechend seiner Möglichkeiten beschult wird. Und mein Eindruck war (auch bei der Besichtigung der Schulen damals), dass eben im Bereich „geistige Behinderung“ nicht so viel Wert auf „Kulturtechniken“ wie Lesen, Schreiben, Rechnen gelegt wird. Hier geht es eher um Selbstständigkeit. Klar, das ist auch wichtig, reicht mir für mein Kind aber nicht.

      Der Schulleiter von Saskias Schule meinte mal, vor ein paar Jahren hätten noch relativ viele Schüler seiner Schule einen (Hauptschul-)Abschluss gemacht, inzwischen sei das nur noch sehr selten der Fall und ginge nur extern. Das ist der Nachteil der Inklusion: Die fitteren Behinderten sind nicht mehr an der Sonderschule und die anderen schaffen es nicht. Erst recht nicht ohne Vorbild.

      Theoretisch gibt es eine Infostelle – die kenne ich allerdings nicht. Unser Problem ist, dass Saskia sehr schwer einzuordnen und zu testen ist. Sie ist nicht doof, aber wenn sie Fragen nicht beantwortet und Aufforderungen nicht umsetzt, ist eben für Außenstehende (und manchmal auch für Nahestehende) schwer feststellbar, was in ihr steckt. Die Psychologin, die vor ca. 2 Jahren mit ihr einen Entwicklungstest machte, gab anschließend ein seeeehr breites IQ-Spektrum an 😉

  2. Ach ja, dieses Thema …
    Auch Robert ist nicht in der passenden Schule…. er musste ja in die Schule zur geistigen Förderung … 😦
    Für Saskia ist es natürlich nicht das Beste und Richtige … aber die Alternative gibt es nicht.
    Robert hat nun auch wieder nicht „mitgemacht“ beim neuen Test. Ich denk mal er und Saskia haben ein Verhalten das sich sehr gleicht.
    Wie und was testet man dann?
    Wie schon oben geschrieben …. ach ja, ach nein … seuffffzzzzz
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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