30 Jahre Mauerfall

Im Herbst 1989 war ich (gerade noch) 18 Jahre alt, im dritten Lehrjahr meiner Berufsausbildung mit Abitur, lebte in Leipzig und war in der Jungen Gemeinde meiner Kirchgemeinde und im Jugendkonvent der Stadt aktiv. Wir hatten im vergangen Jahr einen ökumenischen Jugendtag zum Thema „Türen in die Mauern der Resignation“ organisiert, gingen Montag Nachmittag immer mal wieder zum Friedensgebet in die Nikolaikirche und hatten gerade eine Radtour durch Ungarn gemacht – 7 Leute alle aus der eher alternativen Ecke radeln auf Fahrrädern ohne Gangschaltung oder sonstige Extras 500 km durch Ungarn. Das hatte schon was. Für den „besonderen Kick“ wurde uns dann in der ersten Nacht auf dem Campingplatz ein Fahrrad geklaut und über ein paar Ecken, weil die Übersetzerin bei der Polizei („Bicycle zapp­za­rapp“) jemanden kannte, der jemanden kannte … konnten wir uns schließlich beim Pfarrer ein Fahrrad leihen, so dass wir unsere geplante Tour überhaupt durchführen konnten. Weil wir das Rad auch zurückbringen mussten, wurde aus der geplanten Tour von Mezőkövesd nach Budapest schließlich eine Rundtour und wir fuhren mit dem Zug nach Budapest, von wo auch der Zug nach Hause startete.

Während der Fahrt begegneten uns immer mal deutschsprachige Zeitungen, die in großen Schlagzeilen von Menschen berichteten, die über Ungarn in „den Westen“ ausreisten. Denn Ungarn hatte die Grenzen geöffnet. Wir fanden das zwar interessant, aber tatsächlich hatte keiner von uns das Bedürfnis, am Ende der Tour statt nach Leipzig in eine andere Richtung zu reisen. Was sollten wir denn da? Klar, mal Urlaub machen und alles ansehen – Okay. Aber abhauen und Freunde und Familie dann vielleicht jahr(zehnt)elang nicht wiedersehen? Das schien irgendwie keine gute Wahl zu sein.

Also ging es Ende August 1989 wieder zurück nach Leipzig, montags in die Nikolaikirche und in die Innenstadt, etwas später dann anschließend auf den Ring. Immer mit etwas Angst im Nacken, weil man meist 1-2 Tage später erfuhr, wer am Montag wieder „zugeführt“ worden war. Das waren Menschen aus dem eigenen Umfeld, die lediglich laut ihre Meinung gesagt hatten. Durch die Innenstadt zu laufen, an Polizisten vorbei, war schon beängstigend, weil man nie wusste, ob die Stimmung nicht irgendwann kippt. Letztendlich blieb alles friedlich und ab Anfang Oktober waren es dann so viele Menschen und die internationale Aufmerksamkeit so groß, dass man sich in der Menge schon wieder sicher fühlte. Ab dem Zeitpunkt wurden dann auch die Stimmen lauter, die nicht mehr „WIR sind das Volk!“, sondern „Wir sind EIN Volk!“ riefen. Eine Meinung, die ich nicht teilte. Wie viele andere wollte ich eher Reformen im eigenen Land statt den Anschluss an ein anderes (mir doch sehr fremdes) Land.

Dass Herr Schabowski am 9. November aus Versehen die Grenze öffnete, habe ich an dem Abend nicht mitbekommen. Am nächsten Tag war es natürlich überall Thema und so holte ich mir brav meinen Stempel „Visum zur Ausreise – [ ] einmalig [x] mehrmalig gültig“ und fuhr am Wochenende mit meinem damaligen Freund mit der Bahn nach Berlin, die andere Seite der Stadt angucken.

Und weil es gerade tausende Fotos von Trabis gibt, die über die Grenze fahren und von Menschen, die auf der Mauer sitzen oder stehen, gibt es von mir ein paar Impressionen von der Radtour aus dem Sommer 1989. (Meine Güte, waren die Fotos schlecht und farbstichig. Das ist ist schon die optimierte Variante – in meinem Fotoalbum ist alles rot!)

Los geht's

Höchster Punkt der Tour an der Strecke nach Aggtelek

Belapatfalva

Eger

Vasarely-Museum Budapest

Karte der Tour

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