Kleinstaaterei

Förderalismus im Schulsystem treibt mich in den Wahnsinn.

Saskia besucht eine Förderschule. Als es um die Einschulung ging, saß sie zuckend und sabbernd im Rollstuhl, hatte hunderte kleine (und manchmal auch größere) Anfälle täglich und war nicht gerade die Idealbesetzung für Inklusion. Also entschieden wir uns für die Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Körperlich-motorische Entwicklung“ (kmE), denn Epilepsie gilt als Körperbehinderung, und „geistige Entwicklung“ (gE) als zweiten Förderschwerpunkt.

Die zuständige Förderschule im eigenen Landkreis ist eine Schule für geistige Entwicklung, die nicht nur wegen des fehlenden Förderschwerpunkts kmE nicht passte. Eine kmE-Schule gibt es hier nicht. Zuständig ist die kmE-Schule im benachbarten Bundesland, Details regelt ein Gastschulabkommen. Saskia wurde also für 10 Jahre Gastschülerin im Nachbarbundesland. Die Regel-Schulzeit an ihrer derzeitigen Schule beträgt 10 Jahre – das passt also. Könnte man meinen.

Aber: Wie geht es nach der 10. Klasse weiter? Da wird es kompliziert.

Im Gastschulbundesland gilt eine 10-jährige Schulpflicht an allgemeinbildenden Schulen und danach Berufsschulpflicht bis zum 18. Geburtstag. Die Schüler können auf Antrag auch ein 11. und ggf. auch 12. Schuljahr an der bisherigen Schule machen. Allerdings nicht die Gastschüler oder falls in Härtefällen doch, dann ohne Beförderung zur Schule.* Schuljahr 11 und 12 sollen offiziell eigentlich dazu dienen, einen besseren Abschluss zu erreichen oder zumindest deutliche Lernfortschritte zu erzielen. Tatsächlich überbrücken sie hauptsächlich für die schwer mehrfach behinderten Schüler die Zeit bis zum Übergang in Werkstatt oder Tagesförderstätte. Größere Lernfortschritte sind hier eher nicht zu erwarten.

Bleibt also eine berufliche Ausbildung, Ausbildungsvorbereitung oder ähnliches.
ABER: Das Gastschulabkommen umfasst die Berufsschulzeit nicht.Damit ist nun das Heimatbundesland wieder zuständig und es wird empfohlen, vielleicht noch für 1-2 Jahre eine Förderschule im eigenen Bundesland zu besuchen.

Allerdings gilt im Heimatbundesland nur eine 9-jährige Schulpflicht an allgemeinbildenden Schulen, die Saskia ja bereits erfüllt hat. Auf Antrag gibt es wohl auch hier die Möglichkeit, die Schulzeit zu verlängern – allerdings würden wir dann eine Schülerin anmelden, die bei der Anmeldung ja eigentlich bereits zu alt ist. (Sieht noch jemand durch? Ich nicht.) Und bei der die Förderschwerpunkte nicht ganz passen. Immerhin habe ich gestern erfahren, dass es neben der gE-Schule (etliche Orte weiter) sogar eine Förderschule im Nachbarort mit Förderschwerpunkt „Lernen“ gibt. Da sich Saskia inzwischen von „gE“ zu „L“ hochgearbeitet hat und „kmE“ stark in den Hintergrund gerutscht ist, wäre das vielleicht sogar eine Möglichkeit. Ob es sinnvoll ist, weiß ich nicht.

Ausbildungsvorbereitung und Ausbildung gibt es natürlich auch im eigenen Bundesland – es ist aber anders geregelt als im bisherigen Gastland und die Informationen, die wir bisher haben, sind sehr dünn. Und die Zeit läuft …


* Schulweghilfe, also die Busbeförderung zur Schule ist momentan sehr wichtig. Saskias derzeitige Schule ist zwar mit Auto bzw. Schulbus recht gut zu erreichen (sind halt 25-50 Minuten Fahrt pro Richtung je nach Verkehr), mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es aber eine Katastrophe (mehrfaches Umsteigen und lange Fahrtzeiten). Dazu kommt, dass Saskia leider noch zu unselbstständig für ÖPNV ist und auch Corona da ein sinnvolles Üben gerade verhindert. Das Problem ist dabei nicht in erster Linie, den normalen Schulweg zu bewältigen – das würde ich ihr durchaus auch heute bereits weitgehend zutrauen – das Problem ist, was passiert, wenn der normale Weg versperrt ist, weil die Bahn „wegen eines Feuerwehreinsatzes“ nicht fährt und man dann prüfen soll, „ob man das Fahrtziel auch mit anderen Bussen und Bahnen erreicht“. Dann wird es nämlich kompliziert (auch für mich manchmal, wenn ich dann überlegen muss, wie ich heimkomme und dann ggf. ein Leihfahrrad nehme, um zur nächsten benutzbaren Bahn-Station zu kommen) und jemanden fragen kann Saskia einfach nicht. Dass die Epilepsie sich vor einiger Zeit (mit nächtlichen Anfällen) zurück gemeldet hat, macht den Gedanken, dass sie allein in der Großstadt unterwegs ist, auch nicht gerade verlockender.

3 Gedanken zu “Kleinstaaterei

    • Es gibt zwei Termine in der Schule, einen mit einem Mitarbeiter vom Institut für berufliche Bildung (Ende November), einen mit einer Reha-Beraterin vom Arbeitsamt (im März).

      Bei beiden hieß es, es sei nicht klar, ob und in welchem Umfang sie die Gastschüler überhaupt beraten (können). Das überrascht insofern, da Saskia ja bei weitem nicht die einzige Gastschülerin ist. Es gibt in jedem Jahrgang welche (in ihrem tatsächlich nur sie, im nächsten aber die halbe Klasse) – die Schule und die Berater sollten also Erfahrung haben,

      Inzwischen ist klar: Wir werden beraten (auch wenn ich mir „Die Schülerin präsentiert sich“ absolut nicht vorstellen kann und 30 Minuten sehr wenig finde) , aber wie zutreffend die Beratung dann ist … weiß irgendwie keiner.

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