Immer wieder warten

Vorige Woche hat unser Anwalt endlich die Klage eingereicht – nachdem die Frist, die wir der Gegenseite gesetzt hatten, ja schon am 10. Januar abgelaufen war und wir inzwischen x mal versucht hatten, den Anwalt zu erreichen. Die Warterei geht mir derartig auf den Keks, das glaubt man gar nicht.

Im Moment warten wir jedenfalls auf den Brief vom Landgericht mit der Zahlungsaufforderung. Denn ohne Einwurf von Münzen und Scheinen (vielen Münzen und Scheinen), wird die Klage gar nicht erst bearbeitet. Recht haben und Recht bekommen muss man sich schon auch erstmal leisten können.

Am Wochenende haben wir die obere Etage (weitgehend) leer geräumt. Besonders im Arbeitszimmer stand noch sehr viel Zeug, das nun in Kartons im Wohnzimmer lagert. Oben muss frei sein, denn die neuen Dachdecker wollen Ende der Woche das Gerüst aufbauen und dann von innen mit dem Abriss beginnen. Mich gruselt ein bisschen bei dem Gedanken, beim derzeitigen norddeutschen Schmuddelwetter mit reichlich Wind und Regen ein komplett offenes Haus zu haben. Andererseits bin ich ja froh, wenn es irgendwann losgeht.

Heute vor einem Jahr sind wir umgezogen. Damals gingen wir davon aus, dass wir vor Weihnachten wieder im Haus wohnen. Ich hoffe einfach mal, dass wir es (deutlich!) vor Weihnachten 2020 schaffen.

Haus und Garten unbeschädigt

Nachdem „Sabine“ am Sonntag Nachmittag viel harmloser war als angekündigt, ging es am späteren Abend dann doch recht stürmisch und mit reichlich Regen zur Sache.

Dankenswerterweise hatten wir wohl doch mal irgendwann die Gartenstühle in den Schuppen gestellt (wir waren uns am Sonntag Abend beide nicht sicher, es hatte aber komischerweise auch niemand Lust, sich nochmal auf den Weg zum Haus zu machen und nachzusehen). Das erledigte ich dann am Montag Nachmittag und stellte fest: Alles in Ordnung, alle Mülltonnen dort, wo sie hingehören, alle Bäume noch senkrecht, keine fremden Sachen im Garten und das Dach nicht kaputter als eh‘ schon.

Ein Blick ins Obergeschoss ergab: Drin ist alles trocken. Auch im Schlafzimmer kommt (seit der beste Ehemann von allen Mitte Oktober eine Kante provisorisch mit Silikon verschmiert hat) kein Wasser mehr rein. Nicht mal, wenn das Wasser fast waagerecht vom Himmel fällt. Was bedeutet, dass höchstwahrscheinlich genau diese Kante am Dach, die wir schon bei der Abnahme im Sommer 2016 auf dem Kieker hatten, den ganzen Mist verursacht hat. Mit anderen Worten: Hätte irgendwer auf uns gehört, hätten wir vermutlich heute keine Probleme. Das piept mich ja auch immer wieder an.

Ansonsten gibt es wenig Neues: Der Anwalt lässt sich schon wieder sehr viel Zeit mit der Klage (die IMMER NOCH NICHT eingereicht ist). Die Versicherung der Gegenseite hat sich nicht gemeldet (hatten wir auch nicht erwartet). Dachdecker und Baubegleitung sind beauftragt und vermutlich wird nächste oder übernächste Woche das Gerüst aufgebaut und dann von innen mit dem Abriss begonnen. Ich hoffe, wir bleiben dann von Sabines Verwandtschaft verschont, denn ob so ein Wetterschutzdach einen echten Sturm übersteht, weiß ich nicht.

Gibt’s eigentlich schon eine Petition gegen Plastikmüll auf Zeitschriften?

Gerade mal wieder beim Einkaufen erlebt und geärgert: Saskia möchte eine Kinderzeitschrift und wir stehen bei Edeka vor einem Regal mit relativ großer Auswahl und einem großen Problem – es gibt fast keine Zeitschriften ohne irgendwelchen Plastikmüll auf der Titelseite. Was soll das? Wir kämpfen gegen Plastikverpackungen, Plastiktüten und den ganzen Quatsch, (was ja auch richtig und wichtig ist) und auf der anderen Seite schmeißen wir die Kinder mit Plastikspielzeug zu, dass obendrein von so mieser Qualität ist, dass es nicht mal zum Spielen taugt.

Tut da irgendwer etwas dagegen? Kann ich irgendwo unterschreiben? (Und wenn nein: Warum eigentlich nicht? Bin ich etwa die Einzige, die sich über diesen Mist ärgert?)

Was macht eigentlich das Dach?

Die Frage nach dem Dach wird mir in unterschiedlichster Form immer wieder gestellt, daher hier mal ein Update:

  • Der beste Ehemann von allen hat (nach der Anhörung im Oktober) die Kante, die wir als Wassereintrittsstelle von Anfang an im Verdacht hatten (was von den Dachdeckern aber immer bestritten wurde), provisorisch mit Silikon verschlossen. Seitdem tropft es im Schlafzimmer nicht mehr.

  • Die Dachdecker von 2016 haben „wenig finanziellen Spielraum“ und möchten deshalb nicht zahlen, sondern den Schaden selbst reparieren, was wir abgelehnt haben. Daraufhin bekamen wir Anfang Dezember das Angebot, dass sie JETZT mit dem Abriss anfangen könnten und vor Weihnachten fertig wären. Wir lachen immer noch.

  • Der gegnerische Anwalt teilte im Dezember mit, dass die gesetzte Frist (bis zu der wir eine Antwort bezüglich einer Kostenübernahme haben wollten) viel zu kurz sei und dass sie jetzt erstmal auf die Antwort ihrer Versicherung warten würden und überhaupt würde ja im Dezember ohnehin nichts mehr geschehen. (Auf deutsch gesagt: Wir sollten mal die Füße stillhalten.) Wir warten jetzt noch bis Ende dieser Woche ab, dann geht die (bereits vorbereitete) Klage raus.

  • Wir haben ein (teures) Angebot eines Dachdeckers aus dem Nachbarort angenommen und werden mit ihm demnächst die zeitlichen Details besprechen.

  • Leider fehlt uns noch ein kompetenter Mensch, der den Bau begleitet und dokumentiert. Dieser sollte aus der Nähe kommen, da vermutlich viele Vor-Ort-Termine nötig sein werden, um Schaden, Abriss und Neuaufbau zu dokumentieren. Und er sollte Ahnung von Flachdächern und möglichen Problemstellen haben. Wir arbeiten dran (also an der Suche 😉 )

Jahresrückblick 2019

2019 neigt sich dem Ende entgegen. Ich werde diesem Jahr nicht sonderlich nachtrauern.

Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?

Das Jahr war bestimmt von Mails und Telefonaten mit Anwälten, Gutachtern, Dachdeckern und warten auf Angebote. Wir sind (mehr oder weniger unfreiwillig) umgezogen und wohnen noch immer im Ausweichquartier, was so nicht geplant war.

Das Dach, das Dach und das Dach waren die dominierenden Themen für uns in diesem Jahr.

Damit reicht es auch diesmal nur für eine 4.

Zugenommen oder abgenommen?

Stress und ich – noch immer. Insgesamt (nur)  geringfügig mehr als im letzten Jahr. Aber es war ja damals schon viel zu viel.

Haare länger oder kürzer?

Etwa gleich.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Weder noch.

Mehr Kohle oder weniger?

Eindeutig weniger. So ’ne „Zweitwohnung“ gibt’s leider nicht zum Nulltarif, Anwälte und Gutachter ebensowenig.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Keine großen Ausgaben – die kommen im neuen Jahr. Dafür im Alltag viel mehr: Jeden Monat rund 1000 € Miete zusätzlich, doppelte Nebenkosten, Anwalt, Gutachter, Kleinkram, den man dann doch für die Übergangswohnung braucht …

Mehr bewegt oder weniger?

Bis zum Sommer lag ich bei 13.000 – 15.000 Schritten pro Tag. Dann kam der Einbruch. Durch monatelange Straßenbauarbeiten mit Vollsperrung im Nachbarort verlängerte sich der Arbeitsweg deutlich, dann folgten Termine und Krankheiten und noch mehr Termine und ich kam kaum noch zum Laufen. Ab 6. Januar wird „(Teilweise) Zu Fuß zur Arbeit“ wieder aktiviert.

Insgesamt wahrscheinlich minimal weniger.

Die teuerste Anschaffung?

Ein neues Bett und neue Matratzen für uns. Nach vielen Monaten auf dem gut 20 Jahre alten Schlafsofa war das eine gute Entscheidung.  (Das alte Bett hat leider unter dem Schimmelbefall im Schlafzimmer und dem mehrfachen Auf- und Abbau so sehr gelitten, dass wir es nicht mehr nutzen konnten und wollten.)

Die meiste Zeit verbracht mit?

Saskia und dem besten Ehemann von allen. Und noch weniger Zeit mit Freunden (die selbst monatelang eine Baustelle im Haus hatten) als im letzten Jahr. So dass es in diesem Jahr tatsächlich nicht für einen Foto-Kalender reichte. 😦 Ich hoffe, das wird bald wieder besser.

Vorherrschendes Gefühl 2019?

Männo! Es regnet rein, wieso dauert das alles eeeewig? Hatte das Gericht im Dezember 2018 nicht was von „eilbedürftig“ erzählt?

2019 zu ersten Mal getan?

  • Auf Mallorca gewesen.
  • (Bei einer Anhörung) vor Gericht gestanden (bzw. gesessen) und damit ein „Selbstständiges Beweissicherungsverfahren“ abgeschlossen.
  • Im Serengetipark und im Vogelpark gewesen.

2019 nach langer Zeit wieder getan?

Eine Wohnung gemietet. (Dabei dachte ich, damit sind wir als Hausbesitzer durch – zumindest bis Saskia irendwann eine braucht.)

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

  • Den Dachschaden und alles, was damit zusammenhängt wie Umzug, zusätzliche Kosten, Anwaltsgedöns.
  • Pubertäres Rumgemaule
  • Krankheiten – insbesondere Magen-Darm bei der gesamten Familie im Dezember und monatelangen Reizhusten mit Verdacht auf Asthma oder Keuchhusten bei mir

Lieblingsblogs des Jahres?

Irgendwie werden es leider immer weniger Blogs, die ich gern und regelmäßig lese.

Nach wie vor lese ich sehr gern Suomalainen Päiväkirja – Karens finnisches Tagebuch

Auch Frau Brüllen in der Schweiz, Frau Rabe in Norwegen und Pia lese ich immer wieder gern.

Frau … ähh … Mutti macht leider schon länger Blogpause, so dass ich ihr derzeit nur auf Instagram folgen kann.

Jule Stinkesocke ist besonders lesenwert, wenn man wissen möchte, woran es bei der Inklusion so hakt in Deutschland und in den Köpfen einiger Knalltüten.

Um (mangelnde) Inklusion geht es auch bei Kirsten mal 2 – Zwischen Inklusion und Nixklusion

Und natürlich gucke ich auch weiterhin regelmäßig in Oles Blog vorbei und wünsche euch ganz, ganz viel Gesundheit im neuen Jahr. Keine wachsenden Metastasen, gute Genesung vom Herzinfarkt und wenig Anfälle und Krankheiten für Ole.

Fazit:

2019 war sehr anstrengend. Besonders die ganze Warterei, bis sich mal ein Anwalt  meldet oder es in Sachen Dach auch nur einen Millimeter voran geht, regt mich zunehmend auf.

Größter Wunsch fürs kommende Jahr?

Ein neues und dichtes Dach – ohne dass wir anschließend so verschuldet sind, dass wir das Haus verkaufen müssen. 

Gesundheit. Dauerhafte Anfallsfreiheit und vielleicht endlich eine passende Therapie für Saskia, die ihr hilft, sich selbst weniger im Weg zu stehen.

Mehr Zeit für uns. Mehr Zeit mit Freunden. Und endlich weniger Chaos im Haus.

Und immer noch der Weltfrieden.

Ich wünsche uns allen ein gesundes neues Jahr!

2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018

Post vom Anwalt

Lange tat sich in Sachen Dach – abgesehen von einer Anwaltsrechnung – nichts. Vor anderthalb Wochen kündigte unser Anwalt dann an, mit der Gegenseite sprechen zu wollen, nachdem gegnerischer Anwalt und Dachdecker miteinander über unsere Anfrage bezüglich einer außergerichtlichen Einigung gesprochen hätten.

Gestern kam die Mail mit der Antwort der Gegenseite und wenn es nicht so absurd und irgendwie traurig wäre, würde ich mich totlachen.

Die wirtschaftliche Lage der Firma lässt also wenig finanziellen Spielraum, deshalb wolle man die von uns geforderten Kosten nicht zahlen, sondern lieber selbst tätig werden. (Das hatten wir bereits abgelehnt.)

Man könne unmittelbar mit dem Abriss beginnen und wäre vor Weihnachten(!) damit durch. Falls gewünscht könne man anschließend auch das Dach neu aufbauen – auch diese Arbeiten könnten bis zum 20.12. abgeschlossen sein.

What! The! Fuck!?

Das ist einfach auf so vielen Ebenen falsch!

Liebe Dachdecker,
wir haben euch monatelang aufgefodert, gebeten, angebettelt …, unser Dach in Ordnung zu bringen. Ihr habt es abgelehnt, behauptet, ihr wärt nicht die Verursacher des Schadens. Ihr habt uns verarscht und hängen lassen und tragt diesen Streit auf unsere Kosten und auf unserem Rücken aus. Ihr habt die Chance gehabt, selbst tätig zu werden. Immer und immer wieder haben wir es angeboten. Zuletzt am 4.9.2018 – als das Dach repariert werden sollte und ihr uns am Vortag einfach absagtet. Inzwischen ist das Vertrauen so nachhaltig zerstört, dass wir eher das Risiko in Kauf nehmen, auf unseren (inzwischen enormen) Kosten sitzen zu bleiben als euch nochmal aufs Dach zu lassen. Ehrlich: Die Sache ist durch, der Fisch ist geputzt.

Abgesehen davon: 2016 wolltet ihr im Sommer 2 bzw. 3 Wochen für den Dachbau brauchen und brauchtet wegen Regen, Krankheit und was weiß ich letztlich 3,5 Monate. Und jetzt wollt ihr es im Dezember in 2,5 Wochen schaffen?! Etwas mehr Realismus bitte!

Angenommen, wir ließen uns darauf ein, euch den Abriss machen zu lassen – welche Firma ließe sich wohl darauf ein, dann nur einen Teil der Arbeiten zu übernehmen – mit unübersehbaren Folgen für die Gewährleistung? Ist ja ohnehin nicht gerade so, dass die Firmen hier Schlange stehen und sich um den Auftrag reißen würden. Und dann wäre das Dach also abgerissen und offen? Mitten im Winter? Tolle Idee, muss ich schon zugeben. Das ist hier kein leerer Rohbau, wo es ruhig mal reinregnen kann. Wir wohnen zwar momentan woanders, aber unsere Sachen stehen zu einem großen Teil im Haus. Und auch Schränke, Fußböden, Wände fänden das wohl nicht so toll. Ach so, ihr würdet es auch wieder zumachen? Nein. Sorry, das Vertrauen, euch diesen Auftrag zu geben, haben wir nicht mehr.

Ihr hättet uns (und euch) diesen ganzen Mist ersparen können, wenn ihr vor anderthalb Jahren zu euren Fehlern gestanden und den Quatsch in Ordnung gebracht hättet. Das habt ihr immer wieder abgelehnt und uns erzählen wollen, da sei kein Schaden und schon gar kein von euch verursachter. Nachdem der Richter bei der Gutachteranhörung nun recht deutlich sagte, was er davon hält und ihr nun wohl das Risiko erkannt habt, dass ihr irgendwann womöglich tatsächlich für den Schaden aufkommen müsst, zieht ihr plötzlich den Schwanz ein und fangt an zu jammern, dass ihr kein Geld habt? Schlechter Stil, ehrlich. Und nicht überzeugend.

Falls es der Firma (trotz aktueller Auftragslage im Baubereich!) tatsächlich wirtschaftlich so schlecht geht, dass ihr nicht in der Lage seid, für den angerichteten Schaden aufzukommen, wären wir ja doppelt schlecht beraten, euch das Dach bauen zu lassen. Denn wer weiß, wie lange es die Firma dann überhaupt noch gibt und wer haftet dann bei Problemen? Und wird der Bau dann überhaupt ordnungsgemäß beendet? Und was ist, wenn (wieder) schlecht gearbeitet wird? Wir haben ja keinerlei Druckmittel – die Rechnung wurde vor Jahren bezahlt, die können wir nicht kürzen.

Wir werden also jetzt tatsächlich etwas tun müssen, was wir nie tun wollten: Schadenersatzklage einreichen.

30 Jahre Mauerfall

Im Herbst 1989 war ich (gerade noch) 18 Jahre alt, im dritten Lehrjahr meiner Berufsausbildung mit Abitur, lebte in Leipzig und war in der Jungen Gemeinde meiner Kirchgemeinde und im Jugendkonvent der Stadt aktiv. Wir hatten im vergangen Jahr einen ökumenischen Jugendtag zum Thema „Türen in die Mauern der Resignation“ organisiert, gingen Montag Nachmittag immer mal wieder zum Friedensgebet in die Nikolaikirche und hatten gerade eine Radtour durch Ungarn gemacht – 7 Leute alle aus der eher alternativen Ecke radeln auf Fahrrädern ohne Gangschaltung oder sonstige Extras 500 km durch Ungarn. Das hatte schon was. Für den „besonderen Kick“ wurde uns dann in der ersten Nacht auf dem Campingplatz ein Fahrrad geklaut und über ein paar Ecken, weil die Übersetzerin bei der Polizei („Bicycle zapp­za­rapp“) jemanden kannte, der jemanden kannte … konnten wir uns schließlich beim Pfarrer ein Fahrrad leihen, so dass wir unsere geplante Tour überhaupt durchführen konnten. Weil wir das Rad auch zurückbringen mussten, wurde aus der geplanten Tour von Mezőkövesd nach Budapest schließlich eine Rundtour und wir fuhren mit dem Zug nach Budapest, von wo auch der Zug nach Hause startete.

Während der Fahrt begegneten uns immer mal deutschsprachige Zeitungen, die in großen Schlagzeilen von Menschen berichteten, die über Ungarn in „den Westen“ ausreisten. Denn Ungarn hatte die Grenzen geöffnet. Wir fanden das zwar interessant, aber tatsächlich hatte keiner von uns das Bedürfnis, am Ende der Tour statt nach Leipzig in eine andere Richtung zu reisen. Was sollten wir denn da? Klar, mal Urlaub machen und alles ansehen – Okay. Aber abhauen und Freunde und Familie dann vielleicht jahr(zehnt)elang nicht wiedersehen? Das schien irgendwie keine gute Wahl zu sein.

Also ging es Ende August 1989 wieder zurück nach Leipzig, montags in die Nikolaikirche und in die Innenstadt, etwas später dann anschließend auf den Ring. Immer mit etwas Angst im Nacken, weil man meist 1-2 Tage später erfuhr, wer am Montag wieder „zugeführt“ worden war. Das waren Menschen aus dem eigenen Umfeld, die lediglich laut ihre Meinung gesagt hatten. Durch die Innenstadt zu laufen, an Polizisten vorbei, war schon beängstigend, weil man nie wusste, ob die Stimmung nicht irgendwann kippt. Letztendlich blieb alles friedlich und ab Anfang Oktober waren es dann so viele Menschen und die internationale Aufmerksamkeit so groß, dass man sich in der Menge schon wieder sicher fühlte. Ab dem Zeitpunkt wurden dann auch die Stimmen lauter, die nicht mehr „WIR sind das Volk!“, sondern „Wir sind EIN Volk!“ riefen. Eine Meinung, die ich nicht teilte. Wie viele andere wollte ich eher Reformen im eigenen Land statt den Anschluss an ein anderes (mir doch sehr fremdes) Land.

Dass Herr Schabowski am 9. November aus Versehen die Grenze öffnete, habe ich an dem Abend nicht mitbekommen. Am nächsten Tag war es natürlich überall Thema und so holte ich mir brav meinen Stempel „Visum zur Ausreise – [ ] einmalig [x] mehrmalig gültig“ und fuhr am Wochenende mit meinem damaligen Freund mit der Bahn nach Berlin, die andere Seite der Stadt angucken.

Und weil es gerade tausende Fotos von Trabis gibt, die über die Grenze fahren und von Menschen, die auf der Mauer sitzen oder stehen, gibt es von mir ein paar Impressionen von der Radtour aus dem Sommer 1989. (Meine Güte, waren die Fotos schlecht und farbstichig. Das ist ist schon die optimierte Variante – in meinem Fotoalbum ist alles rot!)

Los geht's

Höchster Punkt der Tour an der Strecke nach Aggtelek

Belapatfalva

Eger

Vasarely-Museum Budapest

Karte der Tour