Halbjahresferien

In meiner Schulzeit gab es Anfang Februar Halbjahreszeugnisse und danach waren immerhin 3 Wochen Winterferien, die wir gern in Thüringen bei der Verwandtschaft verbrachten.

In Saskias Schulzeit gibt es am Ende des jeweiligen Schulhalbjahres ein „Förderplangespräch“ und einen Tag Ferien. Aus organisatorischen Gründen sind es an ihrer Schule dann doch zwei – und diesen Wahnsinnsurlaub nutzen Saskia und ich, um übers Wochenende die Oma in Leipzig zu besuchen während der beste Ehemann von allen sich hier „einen Fetten macht“ und die sturmfreie Bude genießt leider arbeiten muss.

Bei den Gesprächen hörten wir heute von Klassenlehrerin, Erzieherin, Musik- und Sportlehrerin und Therapeutinnen fast nur Lob und Bewunderung darüber, wie gut sich Saskia doch entwickelt habe. Sie spreche viel mehr – wenn auch manchmal noch sehr leise, sei fast gar nicht mehr zickig, hätte einen großen Schritt in puncto Selbstständigkeit gemacht usw. usf. Besonders seit dem Herbst seien große Fortschritte erkennbar.

Eine mögliche Erklärung wäre nun, dass die Delfintherapie tatsächlich etwas in dieser Richtung ausgelöst hat. Eine andere Erklärung wäre, dass die fehlende Schulbegleitung eben auch einen positiven Effekt hatte – nämlich die zwangsweise größere Selbstständigkeit. Saskias bisherige Schulbegleitung fehlt nämlich seit September – zunächst war sie krank, nun ist sie schwanger und darf (aus versicherungstechnischen Gründen) nicht mehr arbeiten – und die Suche nach einer neuen Schulbegleitung gestaltete sich erstaunlich schwierig und zäh. Ab nächste Woche soll sie aber kommen, wir kennen sie noch nicht und sind sehr gespannt … und hoffen, dass Saskia nicht die Schulbegleitung nutzt, um plötzlich wieder gar nichts mehr selbst zu machen.

Da kommt dann auch gleich die Frage auf, ob wir die Schulbegleitung fürs neue Schuljahr überhaupt wieder beantragen sollten (das müssten wir nämlich demnächst eigentlich tun).

Jetzt aber sind erstmal Ferien. 😉

25 Jahre Mauerfall – Erinnerungen an den Herbst 1989

Am 9. November 1989 war ich gerade noch 18 Jahre, lebte in Leipzig, war im dritten Lehrjahr meiner Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur und würde diese gemeinsam mit dem Abitur im Sommer 1990 abschließen.

Ich war Jung- und später Thälmannpionier gewesen, war in der FDJ ebenso wie in der Jungen Gemeinde, ich hatte mit 14 an der Jugendweihe teilgenommen – und es auch nie in Frage gestellt. Ich wurde mit 17 konfirmiert – auf meinen Wunsch hin. Einigen reichte die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche, um mich skeptisch anzusehen, für größere Repressalien reichte es nicht. Dass ich meinen Wunsch-Ausbildungsplatz nicht bekommen habe, lag eher an den guten Beziehungen, die jemand anders hatte und die mir eben fehlten (genauso wie die West-Verwandtschaft, die nette Päckchen schickte). Ich wusste nach meiner Ausbildung immerhin, wo ich NICHT die nächsten Jahrzehnte arbeiten wollte – ist ja auch was wert. 😉

Über die Kirche bzw. die Junge Gemeinde lernte ich etliche Menschen aus anderen Gemeinden kennen, auch meinen damaligen Freund, der am anderen Ende Leipzigs wohnte. Wenn einer im Westen wohnt und im Nordwesten (außerhalb der Stadt) arbeitet, der andere im Südosten wohnt, dann kommt man zwangsläufig häufig durch die Innenstadt. Je nach Lust und Laune mit der Straßenbahn oder auch zu Fuß. Die Friedensgebete in der Nikolaikirche kannten wir, waren aber nur selten dort.

Im Sommer 1989 machte ich – ohne meinen Freund, aber mit 6 anderen Leuten aus unserem gemeinsamen Bekanntenkreis – eine Radtour durch Ungarn. Natürlich bekamen wir mit, was dort los war, sahen die Fotos in den Zeitungen von den an der ungarisch-österreichischen Grenze zurück gelassenen Trabis, wussten, dass die Grenze offen ist und interessierten uns nicht weiter dafür. Wir radelten unsere gut 500 km und fuhren schließlich wie geplant mit dem Zug zurück nach Leipzig.

Die Sommerferien waren zu Ende, die Schule hatte wieder begonnen, die Staatsbürgerkunde-Lehrerin war enttäuscht, weil noch keiner aus der Klasse Mitglied der SED war und weil sich keiner am Montag Abend nach dem alten Film im DDR-Fernsehen noch den „Schwarzen Kanal“ mit Karl-Eduard von Schnitzler ansah. Alles wie immer also. Allerdings gingen nun mehr Menschen zu den Friedensgebeten und irgendwann gingen sie anschließend nicht einfach nach Hause, sondern auf die Straße. Anfangs waren es wenige und man hörte am nächsten Tag von dem einen oder anderen, der am Montag „zugeführt“ und später wieder frei gelassen wurde. Es waren Menschen dabei, die ich mehr oder weniger gut kannte und es war jede Woche wieder ein beklemmendes Gefühl. Es wurden mehr Menschen, die auf die Straßen gingen. Ich war nicht bei jeder Montagsdemo dabei, aber bei vielen. Ich erinnere mich an die Demos Anfang Oktober 1989, als noch nicht klar war, wie die Polizei reagieren würde. Als plötzlich Polizisten mit Helm und Schutzschild vor uns standen (was ich so nur aus dem Westfernsehen kannte) und keiner wusste, wie sie reagieren würden. Ich erinnere mich an die Kerzen, an die Rufe „Keine Gewalt!“ und daran, dass alles friedlich blieb. An die Massen, die eine Woche später auf die Straße gingen und daran, dass plötzlich irgendwie alle dabei waren. Wir liefen den Ring entlang, am Stasigebäude („Runde Ecke“) vorbei und wir hatten wirklich das Gefühl, dass die Stasi uns nichts mehr anhaben könne.

Die Demonstrationen am Montag-Abend gehörten nun zu unserem Leben und wir hofften, wir können etwas verändern. Reisefreiheit war ebenso ein Wunsch wie „Mehr Demokratie“. Wir hofften auf eine Erneuerung des eigenen Landes, auf den Rücktritt der gesamten „Partei- und Staatsführung“ und auf freie Wahlen und konnten es uns kaum vorstellen.

Was ich am 9. November 1989 gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Aber am Freitag, dem 10. November, beschlossen mein Freund und ich, am nächsten Tag nach Berlin zu fahren, um wenigstens einmal im Westen gewesen zu sein und unsere 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen – schließlich wusste ja keiner, wie lange die Grenze offen bleiben würde.

Schule und Betreuung

Über Frau Brüllen und Karen bin ich auf das Thema (Grund-)Schule und Betreuung aufmerksam geworden und möchte hier auch meinen Senf dazu geben.

Ich selbst bin als Ost-Kind Baujahr 1970 (also noch vor Einführung des bezahlten Babyjahrs) mit Vollzeit- (noch dazu in unregelmäßigem Schichtdienst) arbeitender Mutti, sowie Kinderkrippe, Kindergarten, Hort und Oma und Opa aufgewachsen. An die Krippenzeit erinnere ich mich nicht, Kindergarten und Hort habe ich in guter Erinnerung – auch wenn sicher nicht alles perfekt war. Die allermeisten meiner Mitschüler hatten ebenfalls Vollzeit-arbeitende Eltern (und die zwei Mütter, die nicht arbeiten gingen, waren uns Kindern damals irgendwie suspekt). Wir gingen also ziemlich geschlossen von der Schule in den ca. 300m entfernten Hort. Dort gab es Mittagessen, im ersten Schuljahr auch noch Mittagsschlaf in 3-etagigen Stockbetten, dann wurde gespielt oder Hausaufgaben gemacht. Wenn ich nach Hause kam, war jemand da – entweder meine Oma oder meine Mutti. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten führten dazu, dass sie auch mal mitten in der Woche einen freien Tag hatte – das war ziemlich praktisch. Ich hatte etwa eine Viertelstunde Fußweg zur Schule und da in den Nachbarhäusern etliche Schulfreundinnen wohnten, gingen wir eigentlich immer in Grüppchen.

Als ich mit dem besten (damals noch nicht Ehe-)Mann von allen in eine westdeutsche Kleinstadt zog, war uns auch wichtig, dass es Kindergärten und verschiedene Schulen in der Nähe gibt, so dass unsere künftigen Kinder nicht stundenlange Wege haben würden oder auf unsere Fahrdienste angewiesen wären.

Vier Jahre lang besuchte Saskia einen integrativen Kindergarten hier im Ort – Betreuungszeiten von 8 bis 16 Uhr, 3 Wochen Sommerferien und 2 Wochen Weihnachtsferien. Damit konnte ich zwar nicht Vollzeit arbeiten gehen (das hätte ich aber auch gar nicht gewollt), aber immerhin 60% (ich habe leider eine gute Stunde Arbeitsweg pro Richtung).

Eine passende Förderschule gibt es allerdings vor Ort nicht und deshalb ist Saskia nun doch täglich mit dem Schulbus unterwegs. Bei der Wahl der richtigen Förderschule waren für uns auch die Betreuungszeiten wichtig und eine Schule, die um 13 Uhr endet – und „höchstens an einem Nachmittag pro Woche“ eine Nachmittagsbetreuung bietet, kam auch deshalb nicht näher in Betracht. Saskias derzeitige Schule bietet Ganztagsbetrieb – aus „wirtschaftlichen Gründen“ finden die Busfahrten allerdings in zwei Touren statt. Die „Kleinen“ sind jeweils in der zweiten Tour, was für uns bedeutet, dass Saskia derzeit morgens um 8:30 Uhr abgeholt wird und um 16 Uhr Schulschluss hat, also gegen 16:30 Uhr wieder daheim ist. Das passt für uns ganz gut. Problematisch werden die Ausnahmen: Freitags ist bereits 14 Uhr Schulschluss und ca. einmal im Monat gibt es eine Mitarbeiterbesprechung, da ist bereits um 12:45 Uhr Schulschluss. Dazu kommen gut 12 Wochen Ferien, in denen es von Seiten der Schule keine Betreuung gibt. Da wir hier keine Großeltern zur ständigen Verfügung haben und die Betreuung eines behinderten Kindes etwas aufwendiger ist (und man das Kind nicht mal eben zu Freunden „wegorganisieren“ kann), ist das immer mit einigem Organisationsaufwand verbunden. Ich habe mir zusätzlichen Urlaub erkauft, indem ich übers Jahr auf einen Teil meines Gehalts verzichte und damit ein Zeitkonto fülle. Außerdem gibt es einen privaten Verein, der für maximal 6 Wochen im Jahr (und 375 € / Woche) eine Ferienbetreuung anbietet. Eine Platzgarantie gibt es allerdings nicht und so bleibt immer ein etwas mulmiges Gefühl, ob es denn auch klappt mit der Zusage. (Bisher hat es zum Glück geklappt und gerade haben wir eine Zusage für zwei Wochen Ferienbetreuung in den Sommerferien bekommen.) Bleiben noch die halben Schultage. Hier haben wir es so gelöst, dass der beste Ehemann von allen freitags von zu Hause arbeitet und Saskia in Empfang nehmen kann, Saskia dann aber am Nachmittag trotzdem (bei uns zu Hause) fremdbetreut wird. Ab Mai von einer (hoffentlich netten) neuen Betreuerin, da die bisherige leider künftig wegen ihres Studiums keine Zeit mehr hat. Übrig bleiben die halben Tage mit den Mitarbeiterbesprechungen, die unregelmäßig verteilt sind. Das bedeutet meist einen Urlaubstag für mich, denn zum Arbeiten gehen reicht an diesen Tagen einfach die Zeit nicht.

Fazit: Ohne Ganztagsschule könnte einer von uns nicht arbeiten gehen, was schade wäre, da uns beiden unsere Arbeit wichtig ist (und sie eindeutig unserer geistigen Gesundheit dient, auch wenn es stressig ist). Für Freitage oder Besprechungstage reicht die schulseitig angebotene Betreuung trotzdem nicht aus und Ferien sind wohl bei allen beruftätigen Eltern problematisch. Leider ist uns in den vergangenen Jahren ein Großteil unserer Kontakte hier im Ort verloren gegangen, da der Alltag einfach zu unterschiedlich ist. Dass Saskia jetzt ganz woanders zur Schule geht, hat den Effekt noch verstärkt. Das bedeutet auch, dass Saskia leider keine Freunde hat, mit denen sie sich zum Spielen treffen kann. Angebote von (Sport-)Vereinen passen entweder zeitlich nicht (weil Saskia noch nicht zu Hause ist) oder weil sie auf einem völlig anderen Entwicklungsstand ist als andere Kinder. Eine (altersgemischte) Sportgruppe mit Bewegungsangeboten oder irgendwas mit Musik am Freitag Nachmittag oder am Wochenende wäre nett, aber da scheint es nichts zu geben. Ich suche aber weiter.

Enttarnt

„Woher aus dem Osten kommen Sie denn?“, fragte der Erdbeer-Verkäufer vorhin. Huch!, das irritierte mich dann doch. Zumal ich außer dem Satz, dass die gestrigen (billigeren) Erdbeeren besser aussehen als die heutigen, gar nichts gesagt hatte. „Aus Leipzig“, antwortete ich und dass das ja nun auch schon einige Jahre her sei. Er behauptete, das höre man trotzdem. Er sei in der Nähe von Dessau geboren, aber seine Eltern wären in Richtung Westen (woher der Vater stammte) gezogen, als nach den Amerikanern „die Russen kamen“ 😉 Seiner Mutter hätte man die Herkunft aber auch ihr Leben lang angehört. Bin ich also als Ossi enttarnt – gibt Schlimmeres 😉

Zeitsprung

Klasse war’s – das Klassentreffen 😉 Und es hätte gern noch ein paar Tage länger gehen können. 😀

Ich finde jedes Mal wieder faszinierend, dass wir uns nach Jahren wiedersehen und man sich sofort mit jedem unterhalten und Anekdoten erzählen kann. Viel „Weißt du noch …?“ und natürlich auch „Was machst du jetzt?“ und „Wo ist eigentlich …?“. Unsere Klassenlehrerin aus der Unterstufe (Klasse 1-4) war ’ne Weile mit da – und hat sich irgendwie überhaupt nicht verändert. Der Klassenlehrer aus der Mittelstufe (5-7) lebt nicht mehr, die Klassenlehrerin aus Klasse 8-10 war nicht erreichbar (was eigentlich seltsam ist). Die meisten Mitschüler haben wir inzwischen wieder aufgetrieben, ich konnte noch einen Überraschungsgast beitragen, der nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder dabei war und lediglich von 2 Leuten fehlt bisher jede Spur.

Die ehemaligen Mitschüler waren alle auf Anhieb zu erkennen. Ich wurde in Berlin von einer Freundin eingesammelt und wieder abgesetzt, so dass wir im Auto auch noch reichlich Zeit zum Schwatzen hatten.

Es war lustig, da am A…llerwertesten der Welt, wo das Navi ca. 500m vor dem Ziel auf freiem Felde verkündete: „Die Navigation ist beendet. Ihr Ziel befindet sich in Pfeilrichtung.“ – was erstmal zu einem spontanen Heiterkeitsausbruch führte, denn zu sehen war das Ziel noch nicht – nur ein paar Pferde, ca. 5 Häuser und ein paar Felder 😉 Der kleine Gasthof tauchte dann aber tatsächlich hinter der nächsten Straßenbiegung auf.

Ja, doch – gerne jederzeit wieder! Ich freue mich schon auf 2017. 🙂

Kantinengespräche

Ich bin in der angenehmen Situation, dass ich mittags vom Büro aus nur etwa 100m zur Kantine (nein, inzwischen heißt das ja „Kasino“) gehen muss und so schnell und einigermaßen preisgünstig essen kann. Das Essen ist manchmal Klasse, manchmal nur mäßig – aber so ein mittäglicher Kantinenbesuch hat natürlich auch eine soziale Komponente. Die Gespräche, die sich dort entwickeln, sind manchmal schon sehr originell.

Immer wieder gern genommen ist natürlich das Thema „Opa erzählt vom Krieg“ „Ossi erzählt von der DDR“. So kamen wir vor ein paar Tagen dann auch von der Konfirmation, die zu DDR-Zeiten ja eher die Ausnahme von der Regel (=Jugendweihe) war. Ich erzählte, dass ich mir von meinem Jugendweihe-Geld meinen ersten Kassettenrekorder KR 660 kaufte. Wir kamen vom Kassettenrekorder irgendwie zum „Kulturfünfer“, den 5 Pfennig, die als Kulturabgabe auf jeden Eintrittspreis aufgeschlagen wurden. So kostete das Kino dann eben beispielsweise 1,05 M.

Ein Kollege meinte, die Kulturabgabe sei sicher auch deshalb nötig gewesen, weil man ja viele Filme selbst drehen musste und ich klärte ihn auf, dass es durchaus auch amerikanische oder bundesdeutsche Filme in DDR-Kinos zu sehen gab. Ein Film, den ich 1989 immerhin 5-mal in einem Leipziger Kino gesehen habe, war Linie 1. (Der lief einige Wochen und es gab auch Menschen, die ihn 27 mal gesehen haben 😉 ). Interessanterweise kannten meine Wessi-Kollegen weder den Film noch das Musical, auf dem er beruht. Eine echte Bildungslücke, finde ich.

Dank YouTube lässt die sich wenigstens teilweise schließen – und ich hab‘ jetzt ’nen Ohrwurm.;)

Na gut, dann geh‘ ich mal zur U-Bahn …

Halb und Halb

Die Hälfte meines bisherigen Lebens habe ich in der DDR gelebt und hatte am 7. Oktober einen Feiertag – Republikgeburtstag. Heute würden wir also „61 Jahre DDR“ feiern. Wie wäre das wohl, wenn die Wende nicht gewesen wäre? Oder wenn die Wende nicht zu diesem Ergebnis geführt hätte? Schwer vorstellbar. Ich hätte mir damals einen langsameren und gleichberechtigteren Weg zur Einheit gewünscht – Zusammenschluss statt Beitritt, gute Dinge erhalten, statt alles platt zu machen und hinterher zu weinen.

Ich gehöre sicherlich zu den Gewinnern der Einheit – ich habe einen festen Job, der mir Spaß macht, habe zum Glück genügend Geld, um nicht ständig darüber nachdenken zu müssen und habe mich in der neuen Heimat inzwischen eingelebt. Dass ich seit 11 Jahren im „Westen“ lebe und damit weit entfernt von früheren Freunden und Verwandten, gehört zu den Nachteilen, die die deutsche Einheit für mich gebracht hat. Ich wäre gern in Leipzig geblieben, aber ohne vernünftigen Job war das nicht möglich. Ich lebe inzwischen gern hier, aber auch nach 20 Jahren deutscher Einheit spüre ich, dass es noch etliche Unterschiede gibt. Nicht nur, weil mich hier kaum einer versteht, wenn ich vorschlage, dass wir uns beispielsweise um „dreiviertel Acht“ treffen 😉

Ohne die Wende hätte ich vermutlich den besten Ehemann von allen nicht kennen gelernt. Falls ich ein Kind mit schwerer Epilepsie hätte, müsste ich mir wohl über die Zukunft weniger Sorgen machen – hätte aber auch weniger Mitspracherecht. Ich vermisse den Haushaltstag auf der einen Seite und freue mich andererseits, dass ich heute problemlos Teilzeit arbeiten kann und dass meine volle Arbeitszeit nur 38,5 Stunden / Woche beträgt statt der 43,75 Stunden, die ich noch während meiner Lehre zu arbeiten hatte.

Nicht alles im vereinten Deutschland ist so schön und so bunt wie in der Werbung. Nicht alles im Westen ist so schlimm wie im Staatbürgerkunde-Unterricht dargestellt. Und nicht alles in der DDR war so grau, wie einige Altbundesbürger noch immer denken.