Fragebögen im 21. Jahrhundert

Neulich durfte ich einen Fragebogen über Saskia und uns ausfüllen, der es in sich hatte – nicht nur die immerhin 22 Seiten(!), sondern auch die Fragen an sich, die zum Teil gaaanz schön schwierig zu beantworten waren.

Bei einer Sache bin ich unsicher, ob ich, ob ich es eher lustig oder traurig finde.
Mein Ossi-Feministinnen-Herz ruft: „Wo bleibt die Gleichberechtigung?! Unter welchem Stein hat der Verfasser die letzten 50 Jahre gelebt?“ … die pragmatische Seite in mir zuckt mit den Schultern und schüttelt halb belustigt den Kopf.

Auf der ersten der 22 DIN-A4-Seiten geht es nämlich um den Vater des Kindes – inklusive Schulabschluss, Ausbildung und derzeitiger Job und Arbeitgeber. Die Mutter des Kindes findet immerhin am unteren Rand der Seite noch 3-4 Zeilen Platz, wo nach Name und Geburtsdatum gefragt wird. Auf Seite 2 geht es dann um die schulische und berufliche Ausbildung und dann wird nicht etwa analog zum Vater gefragt, was derzeit wo gearbeitet wird, sondern „Tägliche Arbeitszeit nach Geburt des Kindes?“ und „Wer betreut das Kind während der Arbeitszeit der Mutter?“

Daraus folgt für mich:

  • Eine Mutter, die Vollzeit arbeitet, ist ganz offenbar nicht vorgesehen.
  • Die berufliche Arbeit der Mutter spielt eigentlich keine Rolle.
  • Ein Vater, der Teilzeit arbeitet, ist ebenfalls nicht vorgesehen.
  • Dass der Vater möglicherweise das Kind betreuen könnte, während die Mutter arbeiten geht, scheint im Weltbild der Verfasser ebenfalls nicht vorzukommen.

Ich will gar nicht die Frage nach der Kinderbetreuung an sich in Frage stellen – die hat schon ihre Berechtigung im Zusammenhang dieses Fragebogens. Aber die merkwürdige Aufteilung (schon von der Anordnung her, aber auch inhaltlich) der Fragen wirkt für mich wie westdeutsche Behörde in den 50er-Jahren: Zuerst der Ehemann, dann am Rande die Frau und diese kümmert sich bitte in erster Linie um die Kinder. Danke auch.

Pflegegrad 3

Seit 2007 die ersten Anfälle bei Saskia auftraten und kurz darauf klar war, dass es nicht mit „Morgens und abends ’ne Tablette und dann ist alles gut.“ getan sein würde, sondern massive (Entwicklungs-)Probleme auftraten, haben wir ja immer mal wieder (mehr oder weniger) viel Spaß mit der Pflegeversicherung und dem MDK. Während es anfangs kaum für Pflegestufe 1 reichte, weil ja „alles nur Betreuung und Beaufsichtigung, aber keine Pflege im Sinne des Pflegegesetzes“ war, reichte es in schlimmen Zeiten dann locker für Pflegestufe 3 und nach Verbesserung dann nur noch für PS 1. Die Gutachter waren mal nett und freundlich, mal unverschämt und übergriffig und die Gutachten entsprachen manchmal auch nur bedingt der Realität.

Die letzte Begutachtung erfolgte 2015, damals reichte es für Pflegestufe 1 mit eingeschränkter Alltagskompetenz – woraus ab 2017 dann automatisch Pflegegrad 3 wurde. Etwas überraschend kündigte sich dann neulich der MDK zur Wiederbegutachtung an. Uff. Mit den neuen Begutachtungsrichtlinien hatte ich mich bis dahin noch gar nicht auseinander gesetzt, nun war es wohl Zeit, das nachzuholen. Eigentlich sollte uns das neue Gesetz ja entgegen kommen, denn motorisch ist Saskia inzwischen recht fit, Körperpflege usw. klappt weitgehend selbstständig – die psychische Seite ist problematischer. Allerdings ist das auch deutlich schwieriger zu erfassen. Und was ist der Unterschied, ob jemand etwas „überwiegend selbstständig“ oder „überwiegend unselbstständig“ macht? Wenn mein Kind selbstständig Zähne putzt, ich aber kontrollieren muss, ob sie das lange und gründlich genug macht und dann ggf. nachputzen muss – worunter fällt das dann? Und was gehört zur „Selbstständigen Planung des Alltags“? Das klassische Pflegetagebuch war in gewisser Weise leichter auszufüllen: „3 Minuten Zähneputzen mit Hilfe“ standen eben genau so in genau der Spalte.

Ich hatte also ein bisschen Bedenken, was die Begutachtung angeht. Die Gutachterin, die diesmal hier auftauchte, war allerdings nett und kompetent, so dass der Termin recht angenehm ablief. Gestern hatten wir dann das Gutachten in der Post (21 Seiten!) und ich muss sagen: Bis auf winzige Kleinigkeiten beschreibt es die aktuelle Situation sehr gut. Letztlich ergab sich weiterhin Pflegegrad 3 – für uns ändert sich also in dieser Hinsicht erstmal nichts und das ist auch gut so, denn ohne Verhinderungs- und Kurzzeitpflege fiele die Bezahlung der Freizeiten mit der Lebenshilfe oder der einmal wöchentlichen Abendbetreuung deutlich schwerer.

Zeitreise

Als ich Kind war – in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – wurde (zumindest gefühlt) überall geraucht: Auf der Straße, in Restaurants, im Fernsehen, im Zug, im Auto, in der Werkstatt … und natürlich auch zu Hause. Ich fand es immer schon eklig und meine Eltern konnten vermutlich ein Lied davon singen, weil ich das durchaus auch in Gegenwart von Freunden oder Verwandten zum Ausdruck brachte. Meine Großeltern, bei denen ich teilweise gelebt habe, rauchten zwar nicht – aber wenn rauchende Bekannte oder vielleicht rauchende Handwerker zu Besuch waren, räumte meine Oma nicht nur den Aschenbecher auf den Tisch, sondern auch die Zigaretten dazu. Als Nichtraucher in der eigenen Wohnung das Rauchen nicht zur zu dulden, sondern in gewisser Weise sogar zu fördern – auf so eine Idee käme ich NIE. Aber damals war es zumindest bei uns so – die Gastfreundschaft stand an erster Stelle.

Als Jugendliche in den 80er Jahren war ich immer noch Nichtraucherin und damit in meiner Umgebung auf ziemlich verlorenem Posten. Ich erinnere mich an Abende in der Jungen Gemeinde, an denen ich von 16 Leuten die einzige Nichtraucherin war. Der Pfarrer rauchte Pfeife (mit Vanillearoma), deren Geruch ich noch ganz angenehm fand, die Jugendlichen rauchten „f6“ oder „Karo“ – und ich habe es gehasst. Nach jedem Abend stanken die Klamotten, die Haare, einfach alles nach kaltem Rauch. Bähh.

Beim Udo-Lindenberg-Konzert im Januar 1990 in Leipzig wurden am Eingang Probepäckchen mit je 5 Zigaretten verteilt. (Auf die Idee käme heute zum Glück keiner mehr.) In der Messehalle herrschte den ganzen Abend dichter Nebel.

Als ich schwanger war, machte ich mit dem besten Ehemann von allen 3 Wochen (Bildungs-)Urlaub in Irland, wo gerade das Rauchen in Pubs verboten worden war. Es war so toll. Man konnte einkehren, ohne sich wie Räucherware zu fühlen. Ich genieße es wirklich, dass man auch in Deutschland inzwischen Essen gehen kann, ohne eingeräuchert zu werden. Und auch in meinem Umfeld sind die Raucher inzwischen deutlich in der Minderheit. Hallelujah! Wer heute noch raucht, tut das meist im Freien (gezwungenermaßen, weil es in vielen Gebäuden nicht mehr erlaubt ist oder freiwillig, weil selbst die Raucher sich am Gestank in der Wohnung stören).

Gestern waren wir mit einer Schulfreundin von Saskia und deren Mutter unterwegs. Das Mädchen geht seit 1,5 Jahren in Saskias Klasse und ist ihre beste Freundin. So weit, so schön. Wir hatten gemeinsam etwas vor und aus organisatorischen Gründen trafen wir uns bei ihnen zu Hause zum Kaffee trinken und um dann gemeinsam loszugehen. Wir kamen um 13:30 Uhr an, der Tisch war gedeckt und während wir etwas tranken und uns unterhielten, wurde die erste Zigarette angezündet. Kurze Zeit später die zweite. Als wir 14:15 Uhr aus dem Haus gingen, folgte Nummer 3 auf dem Weg zur U-Bahn, dann die vierte beim Warten auf dem Bus und die fünfte als wir am Ziel ankamen. Die Veranstaltung dauerte von 15:30 Uhr bis 16:30 Uhr, dann das gleiche Spielchen auf dem Rückweg wieder. Die Kinder äußerten den Wunsch, noch ein bisschen zusammen zu spielen und so kehrten wir auf dem Rückweg nochmal in der Wohnung mit ein. 5 Stunden und 10 Zigaretten nach unserer Ankunft verabschiedeten wir uns und ich stellte fest, dass ich Rauchen inzwischen noch ekliger finde als früher. Ich hatte Kopfschmerzen und fand es einfach nur wi-der-lich. Sämtliche Sachen wanderten wegen akutem Gestank unmittelbar in die Waschmaschine, Saskias und meine Haare wurden noch gestern Abend gewaschen, selbst die Jacken, die nur im Flur hingen, hatten den Geruch angenommen.

Ich fühlte mich mindestens 30 Jahre in die Vergangenheit versetzt, als Rauchen noch gesellschaftsfähig(er) war. Dass eine Mutter ihr eigenes Kind (und deren Freundin und Eltern) den ganzen Nachmittag einnebelt, habe ich zum Glück schon ewig nicht erlebt. Auf dem Tisch und dem Schrank direkt neben dem Tisch standen zwei volle Aschenbecher, das Mädchen hat 1a-Raucherhusten … und ich verstehe es einfach nicht.

Und ich weiß noch nicht so richtig, wie ich damit umgehe. Da es leider mit der Selbstständigkeit der Kinder nicht so weit her ist, ist das Ohne-Eltern-drußen-rumziehen o.ä. leider nicht drin. Und auch diese Freundin wohnt etwa 7km entfernt (und damit im Vergleich zu anderen Mitschülern noch recht nah), also hängen wir Eltern immer mit drin. Ich möchte Saskia nicht ihre Freundin vermiesen, aber auch nicht stundenlang in einer Räucherhütte lassen. Das nächste Mal ist erstmal treffen bei uns angesagt, aber eine Dauerlösung ist das ja auch nicht.

Neulehrer

Ich bin ja nicht immer rundum glücklich mit Saskias Schule – mit einer Klassenlehrerin, die nur Montag bis Mittwoch da ist, 3 LehrerInnen, die sich den Deutschunterricht teilen, der (vielleicht) teilweise fehlenden Förderung usw. usf.

Gestern stellte ich allerdings fest: Es hätte auch schlimmer kommen können. An den (Grund-)Schulen bei uns in der Kleinstadt herrscht akuter Lehrermangel. So schlimm, dass inzwischen nahezu jeder unterrichten darf, der gerade Zeit hat. Hotelfachleute, BWLer, Kindergarten-Erzieherinnen …

Ich kenne das aus dem DDR-Geschichtsunterricht: Sogenannte „Neulehrer“ kamen nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone zum Einsatz, weil es nicht ausreichend ausgebildete Lehrer ohne Nazi-Vergangenheit gab. Diese Neulehrer (junge Akademiker oder auch Arbeiter) wurden in einem „Neulehrerprogramm“ einige Monate ausgebildet, damit sie fit für den Unterricht waren.

Ganz so läuft das heute allerdings nicht mehr.

Es gibt nämlich keinen Kurs für angehende Lehrer. Man geht in die Schule, sagt, dass man hier arbeiten möchte … und fängt am nächsten Tag an. Egal, ob man dann Mathe oder Religion unterrichtet – fachliches oder pädagogisches Vorwissen ist offenbar nicht Voraussetzung. Nein, das habe ich mir leider nicht ausgedacht, sondern in der Unterhaltung mit einer Bekannten erfahren. Sie ist gelernte Erzieherin und seit neuestem an der hiesigen Grundschule tätig. Eine weitere Bekannte (ausgebildete Lehrerin an dieser Schule) meinte, damit sei sie ja noch ein Glücksfall, denn immerhin hätte sie ja wenigstens eine pädagogische Ausbildung – das sei bei weitem nicht bei allen der Fall.

Es geht allerdings auch noch schlimmer, wie ich gestern Abend im Fernsehen erfuhr. In Sachsen-Anhalt (glaub ich – es war schon zu spät für volle Aufmerksamkeit) gibt es ähnlichen Lehrermangel – inzwischen geht es dort soweit, dass die Kinder entweder gar nicht mehr unterrichtet, sondern nur noch betreut werden oder Eltern den Unterricht übernehmen.

Ich wusste bis dahin gar nicht, dass wir schlimmere Zustände als zu Nachkriegszeiten in den Schulen haben.

Blutspender dringend gesucht!

Dieser Artikel hat nicht unmittelbar mit meiner eigenen Familie zu tun. Wir sind im Moment alle gesund.

Es gibt aber Menschen, die Unfälle haben, operiert werden müssen oder krankheitsbedingt auf bestimmte Blutpräparate angewiesen sind. Und die Blutkonserven sind derzeit (teilweise extrem) knapp. Daher mache ich hier und heute einmal Werbung fürs Blutspenden. Das geht zum Beispiel beim DRK – auf der Webseite www.blutspende.de erfährt man, wann und wo man in der Nähe spenden kann und was man wissen muss.

Blutspende-Barometer Nordost

Dieses Bild des Blutspende-Barometers stammt vom Blutspendedienst Nordost, in anderen Gebieten Deutschlands sieht es aber nur geringfügig anders aus. Also rafft euch auf, wenn ihr über 18 und unter 65 Jahre alt und gesund seid und gebt euer Bestes, denn für Blut gibt es keinen künstlichen Ersatz.

P.S.: Falls sich jemand fragt, ob ich mit gutem Beispiel voran gehe – ich war vor 4 Wochen spenden, darf also frühestens Mitte Oktober erneut.

Erfreuliche Post

Vor ein paar Tagen erhielten wir Post von der KfW. Genauer gesagt: vom „Team Zuschuss“ der KfW. Unser Antrag für den Zuschuss zum ersten Bauabschnitt wurde bearbeitet und Mitte August gibt es Geld. Hurra!

Team_Zuschuss

Vom Antrag für den zweiten Bauabschnitt haben wir leider noch nichts gehört, was mir etwas Sorgen macht. Aber da es derzeit ohnehin schon wieder mal nicht voran geht, zieht sich das alles eh noch in die Länge. Ich hoffe, dass wir da wenigstens bis Ende September alles fertig haben (=Ende 3. Quartal) – und es natürlich vorher überhaupt genehmigt wird – so dass wir das Geld dann noch in diesem Jahr bekämen. (Als wir die Pläne machten, dachte ich noch, das schaffen wir locker bis Ende Juni. Nun ja.)